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"Daheim" von Judith Hermann

Buchcover: "Daheim" von Judith Hermann

Buch der Woche

"Daheim" von Judith Hermann

Da ist sie wieder diese unverwechselbare Erzählerinnenstimme Judith Hermanns: "Wir sind Trabanten, denke ich, wir kreisen um unsere Sonnen, jeder um seine eigene", sagt die Erzählerin in ihrem neuen Roman "Daheim".

Über 20 Jahre nach ihrem fulminanten Debut, den Erzählungen "Sommerhaus später" (1998) lässt sich die Erzählerin auch in Judith Hermanns zweitem Roman durchs Leben treiben. Es ist die Geschichte dieser Frau und "einer Sehnsucht nach allem, was ich einmal hatte".

Die Endvierzigerin nimmt das Leben wie es kommt, ohne ihre Sehnsüchte nach dem, wie es war, zu verschweigen. Und ausgestattet mit der Fähigkeit, sich in ihr Schneckenhaus zurück ziehen zu können. Lang ist es her, dass sie gemeinsam mit ihrem Mann von einem Teller aß. Nun lebt sie allein in der Stadt, doch den Sommer verbringt sie auf dem Land, kellnert in der Kneipe ihres Bruders und lässt sich auf Land und Leute und eine Affäre ein. Dabei wirkt sie mehr als Beobachterin ihrer Geschichte denn als Akteurin.

Judith Hermann erzählt diese Geschichte im Sound ihrer frühen Erzählungen. Die melancholische Stimme der Erzählerin, ihre knappen Worte. Immer wieder denkt sie nach einem gesprochenen Satz: "eigentlich wollte ich sagen."

"Daheim" ist kein Kassiber und doch berührt der Roman durch die freigelegte Innerlichkeit der wunderbaren Erzählstimme. Eine Geschichte, die wie heimlich erzählt wirkt.

Eine Rezension von Terry Albrecht

Literaturangaben:
Judith Hermann: Daheim
Fischer Verlag, 190 Seiten, 21 Euro

Stand: 30.04.2021, 16:08