"Crossroads" von Jonathan Franzen

Buchcover: Jonathan Franzen - Crossroads

Buch der Woche

"Crossroads" von Jonathan Franzen

Jonathan Franzens Romane werden für ihre unvergeßlich lebendigen Charaktere und ihren scharfen Blick auf das zeitgenössische Amerika gefeiert. Nun blickt Franzen in "Crossroads" zurück in eine Zeit, die schon ein halbes Jahrhundert zurückliegt und erzählt (wie in seinen Romanen zuvor) die Geschichte einer Familie.

Mit charakteristischem Humor und Sinn für Vielschichtigkeit und mit viel menschlicher Wärme beschwört er eine Welt, die durchaus Ähnlichkeiten mit unserer eigenen Gegenwart aufweist.

Wie in seinen Romanen "Unschuld" und "Korrekturen" geht es Franzen auch hier um große Ideen, um die Verantwortung gegenüber Familie, sich selbst, Gott und den Mitmenschen, während er gleichzeitig tief in Gefühlswelt, Erfahrungen, Wünsche und Selbstzweifel seiner Figuren eindringt. Das liest sich intensiv und fesselnd, manchmal ganz schön anstrengend und manchmal unerwartet erhebend – kurz gesagt, hervorragend.

Für einen amerikanischen Roman wirken die Figuren erstaunlich deutsch. Die Handlung spielt in den USA zu Beginn der 70er Jahre; Russ ist ein junger Pastor, der eine junge Gemeindehelferin erotisch begehrt, obgleich er verheiratet und Familienvater ist. "Crossroads" ist eine Tour de Force verwobener Perspektiven und anhaltender Spannung, die sich größtenteils an einem einzigen Wintertag entfaltet – die Geschichte einer Familie im entscheidenden Augenblick ihrer moralischen Sinnkrise.

Jonathan Franzens Begabung, das Alltägliche mit dem großen Weltgeschehen zu verschmelzen, ist noch nie so glänzend demonstriert worden. Treffend und mit viel Gespür für Franzens Erzählsprache übersetzt von Bettina Abarbanell.

Eine Rezension von David Eisermann

Literaturangaben:
Jonathan Franzen: Crossroads
Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell
Rowohlt Verlag, 2021
826 Seiten, 28 Euro

Stand: 08.10.2021, 10:11