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"Boat People" von Sharon Bala

Buchcover: "Boat People" von Sharon Bala

Buch der Woche

"Boat People" von Sharon Bala

Wer darf bleiben, wer nicht? Und warum? Dramatische Lebensgeschichten, politische Erwartungen, juristische Spitzfindigkeiten: Sharon Balas Debüt "Boat People" ist ein universeller Roman über die Mechanismen der Migration.

Sie werden erwartet. Satellitenbilder haben sie angekündigt. 503 Flüchtlinge aus Sri Lanka sind es, allesamt Tamilen, die auf einem rostigen Kahn nach wochenlanger Irrfahrt vor der kanadischen Küste auftauchen. Überlebende – dieser von Schleppern organisierten Passage, wie auch des Bürgerkriegs zu Hause. Ein Konflikt, in dem "normale Menschen" nur verlieren konnten.

Viele sind traumatisiert, haben engste Angehörige verloren. Kanada ist für sie die letzte Hoffnung. Die einzige. Und – eine trügerische. Denn diese Flüchtlinge sind nicht erwünscht. Möglichst viele von ihnen sollen möglichst schnell wieder abgeschoben werden. Sie werden erstmal eingesperrt, Teile der regierenden Politik wollen ein Exempel statuieren. Es folgt eines zähes juristisches und politisches Ringen in diversen ersten Anhörungen: Wer wird sofort zurück geschickt – und wer hat eine Chance, wenigstens ins Asylverfahren zu kommen? Die Zielvorgabe ist klar ...

Mahindan, Automechaniker und allein erziehender Vater ist der Geflüchtete, der im Zentrum der Geschichte steht. Direkt zu Beginn wird er von seinem Sohn getrennt, denn Kinder dürfen nicht im Gefängnis sein. Dann auch noch abstruse Terrorismus-Vorwürfe, doch wie soll er das Gegenteil beweisen? Seine Entscheiderin ist Grace Nakamura, der Job ist ein Karrieresprungbrett für sie, die Protegé des beinharten Sicherheitsministers ist. Ihr gegenüber Priya Rajasekaran, tamilische Wurzeln, von denen sie aber nicht viel weiß, eine junge Juristin, die mangelnde Erfahrung mit Engagement wettmachen muss. Sie alle eint eines: Ihr so unterschiedlicher Migrationshintergrund.

Sharon Bala leuchtet in ihrem Debütroman die Komplexität der Gemengelage geschickt und souverän aus. Das gelingt, weil der Geschichte eine ausgefuchste Komposition zu Grunde liegt, die die Dimensionen und Dilemmata sehr geschickt nach und nach entblättert. "Boat People" ist souverän komponiert und mit Hirn und Herz im exakt richtigen Verhältnis erzählt. Ein fundamentaler und wichtiger Roman – mit universeller Gültigkeit.

Eine Rezension von Ulrich Noller

Literaturangaben:
Sharon Bala: Boat People
Aus dem Englischen von Angelika Arend
Mitteldeutscher Verlag, 480 Seiten, 28 Euro

Stand: 22.10.2020, 16:56