"Barbara stirbt nicht" von Alina Bronsky

Buchcover: "Barbara stirbt nicht" von Alina Bronsky

Buch der Woche

"Barbara stirbt nicht" von Alina Bronsky

Schon ihr Debütroman vor 12 Jahren war ein Bestseller, "Scherbenpark" wurde für’s Kino verfilmt. Ich bin seit dieser Zeit stiller Bronsky-Fan. Sie hat eine sehr besondere Art, Menschen zu sehen und zu beschreiben.

Ihr aktuelles Buch erzählt von einem Paar, das seit 52 Jahren verheiratet ist. Zu Beginn scheint es die übliche Wir-haben-uns-auseinandergelebt-aber-jetzt-ist-es-auch-egal-Geschichte zu sein. Aber dann entwickelt sie sich ganz anders, wird um so vieles besser.

Im Mittelpunkt steht Walter Schmidt, im Roman stets nur Herr Schmidt genannt. Was eine feine Form der Distanz mit sich bringt. Dieser Herr Schmidt ist ein Mann der alten Schule: er ist der Bestimmer, sagt herrisch und meist mürrisch, wo es langgeht. Hat eine Frau, die sich unterordnet, alles klaglos mitmacht, weil es eben so sein muss.

Wenn eine Frau klug ist, und Herrn Schmidts Frau Barbara ist klug, dann kennt sie die kleinen Fluchten, findet in 52 Ehejahren, unbeachtet vom Gatten, ihren ganz eigenen Weg. Herr Schmidt erreicht das Rentenalter, ohne zu wissen, wie man Kaffee kocht oder einen Staubsauger bedient. Musste er bislang ja auch nicht, dafür hatte er schließlich Barbara.

Doch die steht eines Morgens nicht mehr auf. Am Ende ihres gemeinsamen Lebens muss sich Herr Schmidt neu erfinden. Als Pflegekraft, als Hausmann und als der fürsorgliche Partner, der er nie gewesen ist. Alina Bronsky gelingt es perfekt, diese allmähliche Verwandlung zu beschreiben, Worte zu finden, für einen, der tief im Herzen ein anderer ist, sich vor langer Zeit eine dicke Haut zugelegt hat, weil er es nicht zugeben will.

Wie sie das beschreibt, ist meist bitterböse, hat eine unglaublich schräge Situationskomik. Sie erzählt federleicht und lässt einen doch die Last spüren, die Herr Schmidt mit sich rumschleppt. Dass man Gefühle auch zeigen kann, das hat er nicht gelernt, sich nie erlaubt.

Jene absonderlichen Szenen einer 52 Jahre alten Ehe zu beschreiben, mit feiner Distanz, dem Gespür für Komik, fürs Schräge und Absurde ist ein literarisches Glanzstück.

Eine Rezension von Christine Westermann

Literaturangaben:
Alina Bronsky: Barbara stirbt nicht
Kiepenheuer & Witsch, 2021
256 Seiten, 20 Euro

Stand: 24.09.2021, 07:01