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Buchcover: "Amen" von Marcel Möring

Buch der Woche

"Amen" von Marcel Möring

Stand: 20.05.2022, 15:04 Uhr

Seine Frau hat ihn verlassen, Samuel Hagenau bleibt erschüttert zurück. Der katastrophale Liebesverlust erzeugt einen Strudel quälender Fragen, die über den privaten Scherbenhaufen hinaus Politisches und Geschichtliches berühren. Ein riskanter Roman.

Eigentlich passt es nicht recht zusammen: Der verlassene Mann ist wie gelähmt und dynamisch zugleich. Dass seine Frau Joyce nicht zurückkehren wird, nimmt er schicksalsergeben und resigniert hin. Die Ursachen der Trennung will er freilich bedingungslos ergründen. Mit furchterregender Energie bohrt sich Samuel Hagenau durch die dunklen Schichten seiner Ehe.

Wer war Joyce? Wer ist er selbst? Was sind die Bruchstellen ihrer Beziehung? Aus jeder Antwort, die er sich gibt, sprudeln neue Fragen, und dass man dem monomanisch grabenden Hagenau, der schon fast allzu plakativ Archäologe ist, willig folgt, ist der Intelligenz des Autors zu danken.

Banal oder langweilig sind die Erkenntnisse Hagenaus nämlich nicht, und präsentiert werden sie ohne einen Hauch von Weinerlichkeit. Als der Archäologe an einem Waldweg nahe dem ehemaligen NS-Sammellager Westerbork ein Autowrack samt verbrannter Leiche entdeckt, weitet sich die Geschichte ins Politische. Der tote Mann war ein ehemaliges Mitglied der deutschen RAF.

Ihren Terror begreift Hagenau als Reaktion auf die verdrängte Schuld der NS-Täter-Generation, und Schuld ist für ihn selbst ja ein treibendes Motiv. Seine gescheiterte Ehe sowie ein bedrückendes Unglück, als er Kind war, verbucht er als Folge seiner Verantwortungslosigkeit.

Wie sein Schöpfer Marcel Möring ist der Ich-Erzähler Samuel Hagenau jüdischer Herkunft, die ihm im Zuge seiner wissenschaftlichen Arbeit in Westerbork auf beklemmende Weise präsent wird. Liebesverlust, Schuld, Wut – individuell, politisch und geschichtlich.

Marcel Möring dreht ein großes Rad und verbindet in seinem schmalen, risikofreudigen Roman eine ganze Reihe komplexer Fragen. Und ja, er verbindet sie auf seine Weise stimmig, mit existenzieller Wucht, und am Ende ist es wohl ihr sprachlicher und gedanklicher Drive, der die abgründige Geschichte Samuel Hagenaus so mitreißend macht.

Eine Rezension von Ferdinand Quante

Literaturangaben:
Marcel Möring: Amen
Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen
Luchterhand, 2022
219 Seiten, 22 Euro