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"Am laufenden Band" von Joseph Ponthus

Buchcover: "Am laufenden Band" von Joseph Ponthus

Buch der Woche

"Am laufenden Band" von Joseph Ponthus

Weil es Joseph Ponthus und seine Frau ans Meer zog, suchte er sich in der Bretagne einen Job bei einer Zeitarbeitsfirma. Seine Erfahrungen in der Lebensmittelindustrie verarbeitet er in "Am laufenden Band". Ein Arbeiter-Blues.

Joseph Ponthus ist ein Literatur-Quereinsteiger. Als er seine Arbeit in den fischverarbeitenden Fabriken aufnimmt, ist der Stress und der Druck so groß, dass er zu schreiben beginnt. Ganz unmittelbar, in einem eher lyrischen Stil beleuchtet er sich und seine Umgebung.

Endlos lange Schichten mit eintönigen Handgriffen, die Unfähigkeit, sich zuhause von der Arbeit zu erholen, und kleine Anekdoten aus dem Arbeitsumfeld verarbeitet Ponthus zu Miniaturen. Klar lebt dieses Buch davon, dass der Autor hier seine authentischen Erlebnisse schildert. Die Ausbeutung der Arbeitskräfte, die Herrschaftsstrukturen in den Fabriken und die Einblicke in die Lebensmittelindustrie machen "Am laufenden Band" thematisch zu einer Anklage der schlechten Arbeitsbedingungen in dieser Branche.

Die Aufzeichnungen haben aber auch einen ganz eigenen Sound, teils in sehr ungeschliffener Sprache. Eine Mischung aus Prosagedicht, in dem sich die Beschreibung der Arbeitsabläufe ebenso wiederholt wie die Arbeit in der Fabrik selbst, teils ganz alltäglicher Prosa und pointiert eingestreuten literarischen Zitaten von Dumas bis Apollinaire.

"Am laufenden Band" ist ein vielschichtiger und kurzweiliger Ausflug in die Welt, in der Lohnarbeit Sklavenarbeit sehr nahekommt.

Eine Rezension von Christoph Ohrem

Literaturangaben:
Joseph Ponthus: Am laufenden Band. Aufzeichnungen aus der Fabrik
Aus dem Französischen von Lina Simon und Claudia Hamm
Matthes & Seitz Berlin, 2021
239 Seiten, 22 Euro

Stand: 17.09.2021, 11:34