"50" von Hideo Yokoyama

Buchcover: "50" von Hideo Yokoyama

"50" von Hideo Yokoyama

Die Behörde als Konzentrat der Gesellschaft: „50“ von Hideo Yokoyama unterläuft alle Erwartungen an typische Erzählweisen der klassischen „Bullenoper“ - und ist doch ein exzellenter Polizeiroman.

Ein hochrangiger Polizist hat seine Frau erwürgt – Tötung auf Verlangen, weil sie unter einer fortschreitenden Alzheimererkrankung litt. Das ist der erst einmal unspektakulär erscheinende Fall, um den sich in „50“ alles dreht. Eigentlich hätte der Mann sich anschließend selbst richten müssen, eine Frage der Ehre. Stattdessen hat er zwei Tage gewartet, bis er bei seinen KollegInnen eine Selbstanzeige leistete. Warum? Und was ist in diesen zwei Tagen geschehen, über die Kaji beharrlich schweigt? Was kann so wichtig gewesen sein, dass der Hauptkommissar nicht bloß seine eigene, sondern auch die Ehre des ganzen Präsidiums mißachtet? Und warum will der Täter, wie er sich entlocken lässt, ausgerechnet noch ein Jahr leben – bis er 50 ist?

Hideo Yokoyama, geboren 1957, erzählt die Geschichte dieser Ermittlung aus verschiedenen Perspektiven, etwa aus der Sicht eines ermittelnden Beamten, aus der eines zuständigen Staatsanwalts, mit dem Blick eines Journalisten, der seine eigenen Recherchen anstellt und so weiter. Yokoyama spiegelt die Gesellschaft im konzentrierten Kosmos der Polizeibehörde, das ist typisch für diesen Autor, der mit dem Roman „64“ vor einigen Jahren einen Welterfolg landete – zugleich nimmt er eben durch durch seine multiperspektivische Erzählweise die Gesellschaft im Blick auf sich selbst ins Visier.

Das ist dramaturgisch sehr trickreich gedacht und gemacht. Yokoyamas Ton ist nüchtern, er erzählt mit einer gewissen Sachlichkeit, fast beiläufig; ihm geht es auch sprachlich nicht um den Effekt, sondern darum die Strukturen und die Regeln, die so eine Gesellschaft prägen, deutlich zu machen.

Das Nebensächliche, das Beiläufige wird zum Eigentlichen, das die ganze Geschichte prägt. Und genau daraus schöpft dieser Roman – der die üblichen Muster des Police Procedurals unterläuft und dekonstruiert – dann doch eine ganz eigentümlich fesselnde Spannung. Immer wieder spielen dabei Fragen der Ehren und des Ansehens eine entscheidende Rolle; ein typisches Motiv für viele Genreromane aus Japan, selten stand es allerdings so konzentriert im Zentrum wie in Hideo Yokoyamas „50“.

Eine Rezension von Ulrich Noller

Literaturangaben:
Hideo Yokoyama: 50
Aus dem Japanischen von Nora Bartels
Atrium Verlag, 347 Seiten, 22 Euro

Stand: 07.08.2020, 14:43