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Autorin Ulrike Draesner

Autorin im Gespräch

Ulrike Draesner über "hell & hörig"

Stand: 04.02.2022, 07:39 Uhr

Wissen außerhalb der Sprache hörbar machen: Ein Sammelband feiert Ulrike Draesners zum 60. Geburtstag mit Gedichten aus 25 Jahren. Deutlich tritt dabei Übersetzung als poetisches Verfahren der Sprachkünstlerin hervor.

Ulrike Draesner gehört zu den profiliertesten deutschsprachigen Schriftstellerinnen. Erst im letzten Jahr wurde sie mit dem Großen Preis des Deutschen Literaturfonds ausgezeichnet. Im Wechsel hat Draesner Erzählbände, Romane und Essays geschrieben. Sie übersetzt aus dem Französischen und Englischen, u.a. die Literaturnobelpreisträgerin 2020 Louise Glück.

Es gibt kein Genre, in dem Draesner nicht zu Hause ist. Alles begann aber mit der Poesie. Sie nimmt eine besondere Stellung in Draesners Werk ein. "Ich fing an Gedichte zu schreiben, nachdem ich ein Jahr in England gelebt, ein Jahr nur Englisch gesprochen hatte", heißt es in den Notizen zu ihrem poetischen Verfahren, die hier die Kapitel der thematisch geordneten Gedichte trennen.

Unter der deutschen Sprache habe plötzlich die englische gelegen. In dem deutschen "Bad" konnte sie engl. "bad", "schlecht", "böse" sehen. Egal ob Englisch, Mittehochdeutsch oder Altgriechisch: Zwischen Sprachen, Menschen, Dingen und Zeiten machte Draesner überraschende Bedeutungsräume auf. "Kommen sie einander nahe tragen sie ein schiff (relationship) zwischen sich", heißt es über die Engländer.

Als besonders amüsant erweist sich Übersetzung als kreatives Prinzip, wenn aus dem "Yellow Submarine" der Beatles eine Reise in das Land der "Suppmarie" wird. Übersetzung heißt bei Draesner aber nicht nur, mit den Bezügen zwischen den Sprachen und Lauten zu spielen. Übersetzen heißt bei ihr auch ganz wörtlich etwas "über" zu "setzen", auf die andere Seite zu retten, das Unsagbare, Verdrängte, Vergessene oder Verlorene in die Sprache zurückzuholen.

Mit wenigen Wörtern und vielen Leerstellen deckt sie in einem der unveröffentlichten Gedichte auf, wie die traumatische Flucht als Kind das Leben des greisen Vaters immer bestimmt hat. Außerdem beweist Draesner, wie gut sich Poesie zum "LifeWriting" eignet, in diesem Fall zur Erkundung von Frauenleben und weiblicher Körperlichkeit.

Besonders bewegend ist eine Gedichtreihe über das Erleben einer Fehlgeburt. Draesner poetisiert selbst den aufreibenden Alltag einer Mutter – in einer Aufzählung, die sie mit der rhetorischen Frage "what is poetry?" überschreibt. Denn bei Draesner wird eben alles zur Poesie.

Am besten liest man die Gedichte laut. Jeder Laut, jedes Wort, jeder Bezug, erzeugt neuen Sinn. Und eine unglaublich reiche und überraschende Welt tut sich auf.

Eine Rezension von Mareike Ilsemann

Ulrike Draesner über "hell & hörig"

WDR 5 Bücher - Autoren im Gespräch 05.02.2022 12:29 Min. Verfügbar bis 04.02.2023 WDR 5


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Literaturangaben:
Ulrike Draesner: hell & hörig. Gedichte 1995 – 2020
Penguin Verlag, 2022
272 Seiten, 24 Euro