Live hören
Jetzt läuft: Speak easy von Little Axe

Thomas Hettche über "Herzfaden. Roman der Augsburger Puppenkiste"

Thomas Hettche über "Herzfaden. Roman der Augsburger Puppenkiste"

Autor im Gespräch

Thomas Hettche über "Herzfaden. Roman der Augsburger Puppenkiste"

Es ist die Magie des Spiels, die die Marionetten zum Leben erweckt und die ihren Zauber ausmacht. Jenseits der Bühne sind es tote Holzpuppen, im Rampenlicht aber erzählen sie ausdrucksstark ihre Geschichten, geführt an unsichtbaren Fäden. Der Herzfaden ist dabei der wichtigste, mit diesem Faden führt die Marionette den Spieler, er führt direkt in die Herzen der Zuschauer.

Die Geschichten der Augsburger Puppenkiste haben Generationen von Kindern begeistert und deren Herzen erreicht. Denn schon am 21. Januar 1953, kurz nach der ersten Sendung der "Tagesschau" begann mit der Live-Ausstrahlung von "Peter und der Wolf" die lange Reihe erfolgreicher Fernsehauftritte der Puppenbühne.

Deren Hauptdarsteller trifft das Mädchen in Thomas Hettches Geschichte auf dem Dachboden des Theaters in Augsburg. Zwölf Jahre ist sie und kein Kind mehr, sie lässt ihren Vater im Foyer stehen und landet unversehens in der Welt der Puppenkiste. Sie trifft Urmel auf dem Eis, Prinzession Li Si, Jim Knopf, den Kleinen König Kalle Wirsch und den Kasperl. Und sie trifft Hatü, Hannelore Oehmichen, die gemeinsam mit ihrem Vater Walter die Augsburger Puppenkiste nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebaut hat.

Thomas Hettche erzählt in zwei Ebenen, die im Buch auch farblich voneinander abgesetzt sind. Die märchenhafte Geschichte des Mädchens ist in roter Schrift gedruckt, die Familiengeschichte der Oehmichens in blauer Schrift und im Präsens geschrieben. Immer weiter führt diese Erzählung in den Alltag während des Nationalsozialismus, den Umgang mit Theater und Kunstfreiheit, die Zerstörung durch Bombenangriffe.

Hatü schnitzt schon als Mädchen ihre erste Marionette, einen Kasperl mit einem bösen Lachen, das sie verfolgt und beängstigt. Sie hat ihrer Figur unbewusst die Züge antisemitischer Stereotype verliehen, wie sie ihr die nationalsozialistische Propaganda immer wieder eingebläut hat. Ihre Angst zu verstehen und damit zu überwinden - diese Aufgabe übernimmt das Mädchen in Thomas Hettches Roman zusammen mit den Figuren der Stücke des Puppentheaters.

Wer seine Geschichte liest, um mehr über die Augsburger Puppenkiste zu erfahren, wird belohnt. Immer spannender entwickelt sich die Lebensgeschichte von Hatü und der Magie des Theaters. Gleichzeitig erzählt Thomas Hettche aber vom Schrecken der Diktatur, der Deportation der Juden, von Flucht und dem Theatermann Walter Oehmichen, der kein Nationalsozialist war aber auch keinen offenen Widerstand leistete.

Die leichten, farbigen Zeichnungen von Matthias Beckmann unterstreichen das Märchenhafte des Romans, der von dem Widerspruch zwischen nostalgischen Erinnerungen und deutscher Vergangenheit lebt, aus der es auch aktuell wieder gilt, Lehren zu ziehen.

Eine Rezension von Susanne Wankell

Thomas Hettche über "Herzfaden"

WDR 5 Bücher - Autoren im Gespräch 24.10.2020 12:02 Min. Verfügbar bis 23.10.2021 WDR 5


Download

Literaturangaben:
Thomas Hettche: Herzfaden. Roman der Augsburger Puppenkiste.
Kiepenheuer & Witsch, 288 Seiten, 24 Euro

Stand: 22.10.2020, 17:26