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Sylvie Schenk über "Maman"

Autorin im Gespräch

Sylvie Schenk über "Maman"

Stand: 17.03.2023, 14:19 Uhr

Herkunft unbekannt: Sylvie Schenk rekonstruiert spät im Leben die tragische Lebensgeschichte ihrer Mutter und legt mit "Maman" ein berührendes Aussöhnungsbuch vor.

"Unsere Mutter, die sprach nur mit der Wäsche und mit Babys", sagt Sylvie Schenk zu ihrer Schwester am Telefon. Eine Feststellung, von der sie selbst nicht weiß, ob sie sie mit der Enttäuschung des Kindes oder als erwachsene Schriftstellerin macht.

Die Mutter ist immer ein Rätsel geblieben, eine Leerstelle in der Familiengeschichte, die über den Tod hinaus noch Unruhe in "Herz und Hirn" der Nachkommen auslöst. Also macht sich die 1944 in Frankreich geborene Schriftstellerin daran, Antworten zu finden. Woher kam die freudlose, distanziert und schlichte Frau, ihre Mutter? Dieser stumme Mensch, der keine Talente hatte, die er hätte weitergeben können, aber dennoch den Töchtern die Verachtung des eigenen Geschlechts und eine obskure Angst vor Männern beibrachte?

Die Spur führt nach Lyon in das Milieu der armen Seidenspinnerinnen. Renée wird mitten im Ersten Weltkrieg geboren, Vater unbekannt. Die ledige Großmutter Cécile stirbt kurz nach der Geburt. Das schwächliche Mädchen landet in staatlicher Obhut, dann bei einem Bauernpaar in der Ardèche, das das Fürsorgegeld braucht.

In kurzen, pointierten Kapiteln zeichnet Schenk den Lebensweg der Mutter nach. Dieser würde man heute vermutlich eine frühkindliche Bindungsstörung aufgrund von Vernachlässigung attestieren.

Darüber hinaus stellt Schenk nebenbei jene sozialen Mechanismen heraus, die vor allem unverheiratete Frauen der unteren Klassen in der patriarchalen Gesellschaft zu Opfern machte. Viele Leerstellen muss Sylvie Schenk in der literarischen Annäherung durch Vorstellungskraft füllen.

Als Schriftstellerin findet sie die Stärke und Distanz, um der Mutterfigur empathisch zu begegnen. Immer wieder stellt sie sich an die Seite der Mutter und schenkt ihr Momente der Zuneigung und Zärtlichkeit.

So ist "Maman" ein starker Aussöhnungstext geworden, der uns Töchtern beibringt, liebevoller auf die Frauen der Generationen über uns zu schauen.

Eine Rezension von Mareike Ilsemann

Sylvie Schenk über "Maman"

WDR 5 Bücher - Autoren im Gespräch 18.03.2023 12:23 Min. Verfügbar bis 16.03.2024 WDR 5


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Literaturangaben:
Sylvie Schenk: Maman
Hanser Verlag, 2023
176 Seiten, 22 Euro