Autorin im Gespräch

Svetlana Lavochkina über "Die rote Herzogin"

Stand: 13.05.2022, 12:09 Uhr

Ende der 1920er Jahre wird in der Ost-Ukraine der Dnjepr-Staudamm gebaut. Die Frau des Bauleiters Darja Katz, ehemalige Herzogin und Propagandadirektorin, organisiert dort einen Weihnachtsball – mit schwerwiegenden Folgen.

Der Bau des Dnjepr-Staudamm ist Stalins Prestigeobjekt und gilt als Herzstück sowjetischer Industrialisierung. Die Herausforderungen an der gigantischen Baustelle sind enorm: Der reißende Dnjepr mit seinen Stromschnellen, die explosive Mischung von zehntausend Arbeitern aus dem gesamten Ex-Russischen Reich: Bauern, Sträflinge, Soldaten besiegter Armeen aus dem Bürgerkrieg – es herrscht eine Atmosphäre von Gewalt, Verrohung und Verrat beim Großprojekt des ersten sozialistischen Staates.

Bauleiter Katz, glühender Bolschewik, versucht dem mit Strenge zu begegnen: Alkoholverbot, auf Entlassungen folgt die Hinrichtung, Urlaub bekommt nur, wer eine kommunistische Heldentat erbringt. Inmitten dieser Gemengelage wirkt die Protagonistin, die gebildete schöne Darja Katz aus dem verbotenen Hochadel, wie ein Paradiesvogel.

In ihrer Gier nach Mode, Luxus und Männern macht die Ex-Herzogin und Propagandachefin vor nichts Halt, und ihr erklärtes Ziel ist ein opulenter Weihnachtsball. Dafür bezahlt sie einen hohen Preis. Das alles wird drastisch grotesk aus den Figuren erzählt – so sprachgewandt wie unerschrocken und kenntnisreich. Annäherung an die unheilvollen Ereignisse scheinen nur mit sarkastischem Humor möglich, wie eine Schatzsuche, bei der man auf ein Massengrab stößt, oder die Verjagung der Roma, "schmutzige Parasiten des Sowjetreichs".

Basis für den in Englisch verfassten Roman, kongenial übersetzt von Diana Feuerbach, bilden die Aufzeichnungen eines anonymen Bauarbeiters, die dessen Enkel ins Netz stellte. "Die Rote Herzogin" – eine Art historische Vorgeschichte zu Lavochkinas erfolgreichem Roman "Puschkins Erben" in dem es um ihre jüdisch-ukrainische Herkunft geht – erschien im Original 2013 und wurde mit dem Pariser Literaturpreis ausgezeichnet.

Im krassen Ton und drastischen Inhalt sieht die in der Ostukraine geborene und aufgewachsene Autorin die Möglichkeit eines historischen Romans, "sich selbst und seine Zeit in ihrer wirklichen Größe und Geschwindigkeit" zu erleben. Im Vorwort bezeichnet sich Svetlana Lavochkina als ausländische Autorin – sie lebt mit ihrer Familie in Leipzig , wo sie als Lehrerin arbeitet – und damit als eine jener "Spione", die fremde Geschichten aus ihren Heimatländern schmuggeln, um sie als Vitaminbomben in den Köpfen der Leser explodieren zu lassen.

"Nichts für Zartbesaitete oder Leute mit schwachen Nerven", ist die Triggerwarnung des Verlags. Gut, dass der unverwüstliche slavische Humor die Lektüre zum Hochgenuss werden lässt; die historischen Parallelen zu den menschenverachtenden Kreml-Strategien im aktuellen Krieg gegen die Ukraine sind jedoch unübersehbar und erschreckend.

Eine Rezension von Bettina Hesse

Svetlana Lavochkina über "Die rote Herzogin"

WDR 5 Bücher - Autoren im Gespräch 14.05.2022 10:27 Min. Verfügbar bis 13.05.2023 WDR 5


Download

Literaturangaben:
Svetlana Lavochkina: Die rote Herzogin
Aus dem Englischen von Diana Feuerbach
Voland & Quist, 2022
128 Seiten, 20 Euro