Live hören
Jetzt läuft: Dream on (Dave Clarke Acoustic Version) von Depeche Mode

Norbert Gstrein über "Der zweite Jakob"

Norbert Gstrein über "Der zweite Jakob"

Autor im Gespräch

Norbert Gstrein über "Der zweite Jakob"

Als seine Tochter ihn fragt, was das Schlimmste sei, was er in seinem Leben getan habe, muss sich Schauspieler Jakob Thurner mit seiner Vergangenheit auseinandersetzen. Aber kann man diesem Ich-Erzähler trauen?

Er sei einst in der Wüste von New Mexico als Beifahrer in einen Unfall verwickelt gewesen, bei dem eine Frau ums Leben kam, lautet das Geständnis des fast sechzigjährigen Schauspielers, der nun auf sein Leben zurückblickt. Eigentlich stammt er aus Tirol, aus einer Hotel- und Skiliftbesitzerfamilie oder gar -dynastie, wie es im Roman heißt.

Mit der Familie und der Provinz aber steht er auf Kriegsfuß, wie später herauskommt. Seine Eltern haben ihn nach dem seltsamen Onkel Jakob genannt. Dieser war etwas weltfremd und in der Kindheit im Krieg als gemeinschaftsschädigend beschrieben worden. Der zweite Jakob wird als Kind darauf hingewiesen bloß den Kopf aus den Wolken zu nehmen, um nicht wie der Namensgeber zu enden.

Die Schauspielspielkarriere des zweiten Jakobs nahm im fernen Amerika ihren Anfang. Ausgerechnet in der Rolle des Frauenmörders Theo Durrant, Bruder der berühmten Salomé-Tänzerin Maud Allan, reüssierte er dort. Die Rolle des Frauenmörders ist seitdem an ihm hängen geblieben. Er sei als solcher äußerst überzeugend gewesen, wird ihm immer wieder bestätigt.

Im Rückblick erfahren wir von jenem Dreh an der mexikanischen Grenze. Damals schon mittleren Alters mimt Jakob wieder einen Frauenmörder. Tatsächlich werden zu der Zeit in Mexiko Frauen gehäuft Opfer von Gewaltverbrechen. Die Stimmung am Set ist spannungsgeladen. Die Hubschrauber der echten Grenzer am Wüstenhimmel sind nicht von den Hubschraubern der Filmcrew zu unterscheiden, die Grenzer spielen. Der Ich-Erzähler berichtet schließlich, was in der Unfallnacht passiert ist.

Aber sagt er die Wahrheit? Norbert Gstrein ist ein Meister des unzuverlässigen Erzählens. Es ist bewundernswert, wie er Gegenwart und Vergangenheit, die Handlungsorte in Österreich und Amerika miteinander verknüpft, ohne dass der Roman zu konstruiert wirkt. Das Erzählte dagegen erscheint immer doppelbödiger.

Stimmt das alles so? Warum geht es Tochter Luzie in der Gegenwart so schlecht? Worüber sollen die langen eleganten Sätze, mit denen der Erzähler einen in den Bann schlägt, hinwegtäuschen?

Norbert Gstrein ist wieder ein großartiger Roman über Identität, das Verhältnis von Kunst und Realität, Sein und Schein, Wahn und Genie, Original und Nachahmung gelungen. Und tatsächlich blicken wir am Ende in einen Abgrund.

Eine Rezension von Mareike Ilsemann

Norbert Gstrein über "Der zweite Jakob"

WDR 5 Bücher - Autoren im Gespräch 09.10.2021 11:46 Min. Verfügbar bis 08.10.2022 WDR 5


Download

Literaturangaben:
Norbert Gstrein: Der zweite Jakob
Hanser Verlag, 2021
448 Seiten, 25 Euro

Stand: 08.10.2021, 10:33