Michal Hvorecky über "Troll"

Michal Hvorecky über "Troll"

Autor im Gespräch

Michal Hvorecky über "Troll"

Der Slowake erzählt in seiner Zukunftsvision von einem Osteuropa, in dem Computer-Trolle im Dienste eines russischen Despoten ganze Gesellschaften zersetzt haben. Eine unbequeme Lektüre – hat die Zukunft doch schon begonnen.

Das Genre des pessimistischen Zukunftsszenarios, der Dystopie, dient dazu auf bedenkliche Entwicklungen in der Gegenwart hinzuweisen. Dass sogenannte "Putinbots", oder "Kremlbots" – Computer-Trolle im Auftrag der russischen Regierung - systematisch mithilfe von fingierten Identitäten die Meinungsbildung im Internet manipulieren, hört man von Insidern schon länger.

Der slowakische Autor Michal Hvorecky musste die Gegenwart für seine Zukunftsversion "Troll" nicht sehr viel weiter drehen, um von einem Osteuropa unter russischer Knute zu erzählen. In seinem Roman haben die jungen Demokratien des ehemaligen Ostblocks, deren Bürger 1989 die Helden der "Samtenen Revolution" waren, ihre Freiheiten wieder aufgegeben. Nach Informationskrieg, Rechtsruck und Oligarchenherrschaft, existiert kein funktionierendes Staatswesen mehr. Computer-Trolle beherrschen die öffentliche Meinungsbildung, verbreiten Propaganda und Falschmeldungen zugunsten des Despoten im Osten und seines panslawistischen Imperiums. Im Internet wird gehetzt und denunziert. Es geht gegen Homosexuelle, Roma, Israel, Juden und den Westen. Bis zwei Freunde beschließen, das System zu unterwandern, um es aus dem Inneren heraus zu besiegen.

Hvorecky zeigt in seinem Roman beängstigende Ähnlichkeiten und Traditionslinien zwischen Sowjetherrschaft und Troll-Diktatur auf. So hat der Slowake implizit eine Mentalitätsanalyse der postkommunistischen Gesellschaften geschrieben, der westliche Leser erschrecken mag. Viel mündiger im Umgang mit Echokammern und Fake-News im Internet erscheinen die seit Generationen demokratisch sozialisierten Bürger des Westens allerdings auch nicht.

Eine Buchvorstellung von Mareike Ilsemann

Michal Hvorecky über "Troll"

WDR 5 Bücher - Autoren im Gespräch | 01.09.2018 | 11:57 Min.

Download

Literaturangaben:
Michael Hvorecky: Troll
Aus dem Slowakischen von Mirko Kraetsch
Tropen Verlag, 215 Seiten, Euro 18,00

Stand: 31.08.2018, 12:22