Maxim Leo über "Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße"

Autor im Gespräch

Maxim Leo über "Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße"

Stand: 04.03.2022, 10:10 Uhr

Ein unfreiwilliger Hochstapler entdeckt sein Gewissen und hat der bundesdeutschen Öffentlichkeit gerade deshalb viel mitzuteilen. Eine schwungvolle Heldengeschichte der anderen Art.

Michael Hartung besitzt eine Videothek in Berlin und hat sich mit dem süßen Nichtstun abgefunden, als eines Tages der Journalist Landmann vor der Tür steht. Der hat Unglaubliches zu berichten. Er hat recherchiert und dabei aus Akten ermittelt: Hartung ist ein Held!

Schließlich war er der Stellwerksmeister, als Anfang der Achtziger eine S-Bahn vom Bahnhof Friedrichstraße in Ostberlin ungehindert mit 127 Passagieren nach Westberlin durchfahren konnte. Und das nur, weil Hartung im richtigen Moment eine Weiche blockiert hatte. Allerdings war das Blockieren ein Versehen und Hartung hatte nicht im Entferntesten daran gedacht, Menschen bei der Flucht aus der DDR zu helfen.

Aber der Journalist Landmann beharrt auf der Geschichte. Und gegen Zahlung eines großzügigen Honorars freundet sich auch Hartung mit seiner angeblichen Heldentat an. Der Journalist schreibt einen großen Artikel und tritt damit eine mediale und politische Lawine los: Alle wollen jetzt Michael Hartung, den Helden vom Bahnhof Friedrichstraße: Er sitzt in Talkshows, gibt Interviews und glaubt selbst immer mehr an die Lüge, die er gemeinsam mit Landmann weiter ausschmückt.

Der Höhepunkt ist erreicht, als er zum 30-jährigen Jubiläum des Mauerfalls gebeten wird, bei einer Feierstunde im Bundestag zu sprechen. Doch Hartung hat mittlerweile Paula kennengelernt, die damals in der S-Bahn saß. Und als er sich in sie verliebt, kann er immer schlechter mit der Lüge leben.

Maxim Leo dreht die Eskalationsschraube im Laufe der Handlung – offensichtlich vergnügt – immer weiter. Schön ist dabei, dass eben nicht immer das Erwartbare passiert und man wie bei einem Krimi auf falsche Fährten gelockt wird. Dadurch entstehen neue Perspektiven auf altbekannte Themen: Die Art, wie wir über das geteilte Deutschland sprechen. Die Frage nach Gut und Böse in komplizierten Situationen. Die Frage, was einen Helden ausmacht.

Eine Rezension von Lina Brünig

Maxim Leo über "Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße"

WDR 5 Bücher - Autoren im Gespräch 05.03.2022 11:07 Min. Verfügbar bis 04.03.2023 WDR 5


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Literaturangaben:
Maxim Leo: Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße
Kiepenheuer & Witsch, 2022
304 Seiten, 22 Euro