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Marion Karausche über "Der leere Platz"

Marion Karausche über "Der leere Platz"

Autorin im Gespräch

Marion Karausche über "Der leere Platz"

Marlen und Martin haben ein privilegiertes Leben in Marokko. Dazu gehören ein gutes Einkommen, ein schönes Haus und Freunde, zwei kluge Kinder mit den besten Perspektiven. Doch dann wird der Sohn krank und bringt Sorge und Trauer in seine Familie.

Kai, der brave und ruhige Junge, läuft aus dem Ruder. Mit knapp 18 macht er nach der Schule eine Reise und kommt wochenlang nicht zurück. Als er wieder auftaucht, hat er sich verändert. Er passt nicht mehr in das für ihn vorgesehene Leben mit Studium und Ausbildung, Sport und Freundschaften, aus dem er sich deshalb auch mehr und mehr zurückzieht.

Nur seine Schwester Amy schafft es, Kontakt zu Kai zu finden. Sie nimmt ihn in seiner immer stärker werdenden Absonderlichkeit an, stellt ihn nicht in Frage, erwartet nichts von ihm. Dennoch verschwindet Kai schließlich für Jahre vollständig aus dem Leben seiner Familie, keiner weiß, wo er ist.

Dann kommt ein verhängnisvoller Anruf mit der Hiobsbotschaft, vor der sich Marlen und Martin, seit Monaten im Ungewissen, insgeheim gefürchtet haben: Kai ist in Deutschland in einer psychiatrischen Klinik, er hat auf offener Straße ein Auto angezündet und dabei zugesehen, wie es ausbrannte. Er wurde zwangseingewiesen. Dem Zusammenbruch folgt die Diagnose Schizophrenie.

Marion Karausche zeichnet in ihrem Romandebüt die Geschichte eines jungen Mannes, der nicht mit dem Leben zurechtkommt. Er ist krank, er nimmt keine Hilfe an, die ihm auch die Eltern nicht gegen seinen Willen aufdrängen können. Sie beschreibt eindringlich, wie die Krankheit die Familie Stück für Stück zerlegt, sich Sorge und Trauer einschleichen und zum alles beherrschenden Lebensgefühl werden.

Marlen gibt sich diesen Gefühlen hin, Martin entzieht sich auf seine Weise und beginnt eine Affäre. "Der leere Platz" lässt ahnen, wie schwierig es ist, das Recht auf Selbstbestimmung auch dann zu respektieren, wenn sich ein Mensch nicht an Regeln und Normen hält und selbst keinen Ausweg aus seiner Krankheit finden kann. Es ist eine Geschichte voll Respekt, Verzweiflung und am Ende nicht ohne Hoffnung.

Eine Rezension von Susanne Wankell

Marion Karausche über "Der leere Platz"

WDR 5 Bücher - Autoren im Gespräch 11.09.2021 09:54 Min. Verfügbar bis 10.09.2022 WDR 5


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Literaturangaben:
Marion Karausche: Der leere Platz
Verlag Kein & Aber, 2021
256 Seiten, 22 Euro

Stand: 10.09.2021, 12:12