Marie Gamillscheg über "Aufruhr der Meerestiere"

Autorin im Gespräch

Marie Gamillscheg über "Aufruhr der Meerestiere"

Stand: 11.03.2022, 12:38 Uhr

Die Meeresbiologin Luise erforscht die Meerwalnuss und lernt, sich von den Zwängen der Kindheit und fremder Ansprüche zu befreien.

71 % der Erde sind mit Wasser bedeckt, wie können wir da unsere Zukunft vom Land aus erzählen, fragt die junge Forscherin. Als sie an einem Projekt im renommierten Tierpark ihrer Heimatstadt Graz teilnimmt, löst es Erinnerungen an ihr problematisches Aufwachsen aus und konfrontiert sie mit körperlichen und psychischen Grenzen.

Die Meerwalnuss, eine Quallenart mit großer Körperintelligenz und einem Nervensystem, kennt keine Grenzen, sie lebt im Schwarm und bevölkert die Meere, selbst unter den schwierigsten Bedingungen. Vielleicht hat Luise damit einen eigenen Zweig der Evolution entdeckt, doch sich selbst nicht abhandenzukommen, fällt ihr schwer. Aufwachsen, Abgrenzen, das Versagen der Worte.

Luise will unabhängig sein und hungert. Immer tiefer gerät sie in den Strudel der Erinnerungen, Trennung der Eltern, Schwierigkeiten im Familienleben. Die Problematik der Beziehung zum Vater, zum Bruder, zum Freund, jahrelange Sprachlosigkeit kompensiert sie mit Arbeit. Sie wird zur Insel. Bis die Grenzen zwischen Phantasie und Erinnerung verschwimmen auf ihrer Reise kreuz und quer durchs Meer der Kinderjahre.

Doch ihr Forscherinstinkt will den Schmerz nicht vermeiden sondern aufspüren um den Preis der Ehrlichkeit mit sich selbst. Nur so gelingt Luise die Befreiung aus den Zwängen und Ansprüchen von außen. Marie Gamillscheg lässt in ihrem zweiten Roman die fragmentarisch erzählten Episoden strömen.

Die Geschichten scheinen ohne Anfang und Ende und gleichen mit ihren fließenden Übergängen den Bewegungen des Wassers, der Meerestiere. Schwimmende Grenzen auch im Animismus der lyrischen Sprache bei den genauen Beobachtungen und schmerzhaften Erinnerungen. Eine faszinierende Wassermusik von der Un-Möglichkeit der Beziehungen – nicht nur zwischen Mensch und Tier.

Eine Rezension von Bettina Hesse

Marie Gamillscheg über "Aufruhr der Meerestiere"

WDR 5 Bücher - Autoren im Gespräch 12.03.2022 12:12 Min. Verfügbar bis 11.03.2023 WDR 5


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Literaturangaben:
Marie Gamillscheg: Aufruhr der Meerestiere
Luchterhand Literaturverlag, 2022
297 Seiten, 22 Euro