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Katharina Adler über "Ida"

Katharina Adler über "Ida"

Autorin im Gespräch

Katharina Adler über "Ida"

Als Freuds Hysterie-Patientin "Dora" ging sie in die Geschichte der Psychoanalyse ein. Ihre Ur-Enkelin Katharina Adler erzählt nun die Lebensgeschichte von Ida Bauer, wie Dora eigentlich hieß, als lebendiges Zeitbild. Freud kommt dabei gar nicht gut weg.

"Alles hat er ins Gegenteil verdreht, so wie es ihm passt", denkt die 18-jährige Ida Bauer im Roman. Da liegt sie auf dem Diwan von Sigmund Freud und lauscht dessen kruden Interpretationen ihrer Träume. Die junge Frau will die Deutungshoheit über ihr Leben zurück. Sie bricht die aufgezwungene "Rede-Kur" beim berühmtesten Nervenarzt Europas in der Wiener Berggasse 19 kurzerhand ab. Nur wenige Jahre später gibt Freud jedes noch so intime Detail ihrer Geschichte in seiner Schrift "Bruchstück einer Hysterie-Analyse" preis.

Auch in der Romanbiografie Ida Bauers, die ihre Urenkelin verfasst hat, läuft alles auf die Freud-Episode zu. Der Roman kommt jedoch völlig ohne Psychologisierung aus. In lebendigen Dialogen und Szenen malt Adler das Leben ihrer Vorfahrin, einer höheren Tochter im ausgehenden 19. Jahrhundert, aus. Während Bruder Otto tun und machen kann, was er will, muss Ida den kränkelnden Vater pflegen. Das intelligente Mädchen sorgt sich um die zerrüttete Beziehung der Eltern. Die wiederholten sexuellen Übergriffe eines Bekannten traumatisieren sie. Sie leidet unter Reizhusten und zeitweiligem Stimmverlust – Freud attestiert ihr Hysterie, Zeichen einer unterdrückten Sexualität. Seine misogyne These: Ida sagt nein, meint aber ja. Sie wehrt den zudringlichen Bekannten ab, weil sie auf ihn das unbewusste Begehren des eigenen Vaters überträgt, was unter das Inzest-Tabu fällt.

Die Lebensgeschichte Bauers kommt als lebendiger Familienroman und Zeitbild daher. Gern folgt der Leser Ida Bauer durch die Umbrüche, die das frühe 20. Jahrhunderts kennzeichnen. In der Habsburger Monarchie geboren, erlebt sie den Ersten Weltkrieg, die erste Republik Österreich und den Anschluss an Nazi-Deutschland, am Ende verschlägt es sie ins amerikanische Exil. Immer hofft man nur das Beste für die widersprüchliche Hauptfigur, die einerseits rebelliert, andererseits doch in den Konventionen und Diskursen der Zeit gefangen bleibt. So wie Freud selbst. Dachte der doch, die weibliche Sexualität aus dem Korsett des Patriarchats zu befreien, indem er die Frauen als Hysterikerinnen pathologisierte.

Eine Rezension von Mareike Ilsemann

Katharina Adler über "Ida"

WDR 5 Bücher - Autoren im Gespräch | 11.08.2018 | 10:02 Min.

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Literaturangaben:
Katharina Adler: Ida
Rowohlt Verlag, 512 Seiten, 25 Euro

Stand: 10.08.2018, 13:18