Live hören
Neugier genügt mit Ralph Erdenberger
Katerina Poladjan über "Zukunftsmusik"

Autorin im Gespräch

Katerina Poladjan über "Zukunftsmusik"

Stand: 01.04.2022, 16:57 Uhr

Katerina Poladjan erkundet die Seele der späten Sowjetunion und erzählt, wie Aufbruchsstimmung an einem Märztag 1985 die Bewohner einer Gemeinschaftswohnung ergreift.

"Kommunalka" lautet die Verniedlichung für "kommunalnaja kwartira", russisch für Gemeinschaftswohnung, in der sich mehrere Parteien Küche und Sanitäreinrichtungen teilen. Eine Wohnform, die schon im 19. Jahrhundert im Zarenreich aus Mangel an Wohnraum entstanden ist und aus demselben Grund typisch für die Sowjetunion wurde.

"Zukunftsmusik" führt in eine solche Kommunalka in einer namenlosen Stadt tausend oder mehr Kilometer östlich von Moskau. Im Mittelpunkt stehen drei Frauen aus drei Generationen. Janka, die 21-jährige Fabrikarbeiterin, die keine Angst hat zu widersprechen und partout nicht verraten will, wer der Vater ihrer dreijährigen Tochter Kroschka ist.

Marija, Jankas Mutter, deren Mann sich einst in die sibirischen Weiten davon machte und die ihre Tage als Aufseherin im Naturkundemuseum fristet. Dort steht die Zeit noch stiller als im Rest des Landes. Und Warwara, die übergriffige Großmutter, die mit ihrer Tochter stets hart ins Gericht geht, aber so ihre eigenen Geheimnisse hat. Obwohl sie das Leben in der Sowjetunion selbst nur als Kind erlebt hat, gelingt es Katerina Poladjan mit diesen mitreißenden Charakteren das Lebensgefühl der Zeit glaubwürdig zu rekonstruieren.

Sie kommt der jungen Janka ebenso nah, wie dem alternden Wissenschaftler Matwej Alexandrowitsch, der als staatstreuer Kommunist gilt, aber als junger Student die Willkür des Systems erfahren hat. "Im Kosmos können wir alles, auf der Erde können wir nichts", seufzt er einmal. Auf der Toilette hängen fünf Klobrillen an der Wand, in der Küche der Wohnung stehen fünf Herde; bildet sich vor einem Geschäft eine Schlange, stellt man sich an. Denn eine Schlange bedeutet, dass es etwas zu kaufen gibt. Egal, was es ist.

Die Bewohner der Kommunalka, die für die sowjetische Gesellschaft steht, haben einen Weg gefunden, sich mit den Wohnverhältnissen und dem System zu arrangieren. Wäre da nicht die Sehnsucht nach Freiheit und Glück, die die begabte Janka am Abend auf einem Hauskonzert besingen will. Denn ein neuer Anfang liegt in der Luft. Der Roman spielt am 11. März 1985. Der letzte ZK-Generalsekretär der alten Garde, Konstantin Tschernenko, ist gestorben.

In der Kommunalka bröckelt der Stuck, im Dach ist ein Loch. Das Gebäude aus der Gründerzeit hat die Sowjetunion überdauert, nun muss renoviert, wenn nicht umgebaut, russich "pere-stro-itch“ werden. Am Ende brechen die Bewohner in einem surrealen Szenario in eine neue Zukunft auf.

In der realen Welt folgte auf Tschernenko Gorbatschow. Und während man sich beim Lesen daran erfreut, wie diese liebenswerten Figuren, ihre Sprache, Ausdrucks- und Umgangsformen im Deutsch von Katerina Poljadan lebendig werden, fragt man sich, was denn nur geschehen ist, dass der historische Moment des Aufbruchs, von dem Poljadan hier so authentisch erzählt, in unsere Gegenwart des März 2022 führen konnte.

Eine Rezension von Mareike Ilsemann

Katerina Poladjan über "Zukunftsmusik"

WDR 5 Bücher - Autoren im Gespräch 02.04.2022 11:31 Min. Verfügbar bis 01.04.2023 WDR 5


Download

Literaturangaben:
Katerina Poladjan: Zukunftsmusik
S.Fischer Verlag, 2022
192 Seiten, 22 Euro