Kai Wieland über "Zeit der Wildschweine"

Kai Wieland über "Zeit der Wildschweine"

Autor im Gespräch

Kai Wieland über "Zeit der Wildschweine"

Der Reisejournalist Leon lebt in einer Kleinstadt und träumt davon, diese enge Welt zu verlassen. Für sein aktuelles Projekt über "Lost Places" in Nordfrankreich begibt er sich mit dem Fotografen Janko, den er beim Boxen kennengelernt hat, auf eine Reise.

Die beiden jungen Männer kennen sich kaum, aber machen sich zusammen auf eine Reise. Mit Stift und Kamera wollen sie über verlorene Orte berichten, doch mehr und mehr wird aus einem gemeinsamen Projekt ein Konkurrenzkampf um die besseren Bilder und Worte, ihre Geschichten zu erzählen. Dabei vermischen sich in der Trostlosigkeit der vergessenen Orte die Vorstellungen von Realität und Wünschen, ändern sich die Perspektiven.

Kai Wieland spielt in seiner Geschichte mit dem Motiv des Films "Fight Club" von David Fincher aus dem Jahr 1999. In diesem Film trifft der namenlose Protagonist auf einer Dienstreise den Seifenhändler Tyler Durden, der am Ende nur in der Vorstellung des Protagonisten existiert. Mit dieser Ungewissheit arbeitet Kai Wieland, wenn in seinem Roman sein Ich-Erzähler Leon seinen Tyler Durden beim Boxtraining trifft, den Fotografen Janko.

Parallel erzählt Kai Wieland Leons Familiengeschichte. Der Vater lebt nach dem Tod der Mutter allein im elterlichen Haus. Seine Schwester Jana hat selbst Kinder, ihr Lebensentwurf ist der Gegenpol zu Leons ruheloser Suche nach sich selbst. Es ist vor allem Leons Neffe Ben, ein kleiner, ruhiger und besonderer Junge, der ihn spüren lässt, dass Heimat und Familie etwas bedeuten können.

Kai Wielands Roman erzählt von der Zerissenheit Leons zwischen dem unbedingten Willen nach freier Entfaltung und Unabhängigkeit und der Heimat, der Familie und den damit für ihn verbundenen Verpflichtungen. Dabei bleibt die Rolle des Fotografen Janko im Ungeklärten: ist er ein imaginärer Gegenspieler, ein Sparringpartner, oder doch eine reale Person? Die Familie ist dagegen sehr real, sie fordert von Leon Haltung.

Der Roman ist fordernd, die Figuren sind vielschichtig und nicht unbedingt sympatisch. Der Zwiespalt zwischen der Sehnsucht nach der großen weiten Welt, der Flucht aus der Provinz und der geistigen Unabhängigkeit einerseits und der inneren Verbundenheit mit dem Zuhause der Kindheit und der Familie andererseits ist das Thema, mit dem der Autor ein Lebensgefühl seiner Generation literarisch verarbeitet.

Eine Rezension von Susanne Wankell

Kai Wieland über "Zeit der Wildschweine"

WDR 5 Bücher - Autoren im Gespräch 01.08.2020 11:12 Min. Verfügbar bis 31.07.2021 WDR 5

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Literaturangaben:
Kai Wieland: Zeit der Wildschweine
Klett-Cotta Verlag, 271 Seiten, 20 Euro

Stand: 31.07.2020, 12:38