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Judith Zander über "Johnny Ohneland"

Judith Zander über "Johnny Ohneland"

Autorin im Gespräch

Judith Zander über "Johnny Ohneland"

Judith Zanders Geschichte beginnt mit einem Langstreckenflug zwischen Himmel und Erde, ohne Gefühl für Zeit und Raum. Eine junge Frau kommt vom anderen Ende der Welt zurück nach Deutschland. Auf der langen Reise ist sie sich selbst ein Stück näher gekommen.

Johnny ist die Tochter der Familie Wolkenzin, als Kind heißt sie Joana, in der 6. Klasse wird sie umstandslos, so nennt sie es, zu Johnny. Den Namen hat ihr jüngerer Bruder Charlie für sie gefunden. Sie übt bereits in der Schule was es heißt, zwischen den Stühlen zu sitzen, gleichzeitig dazu zu gehören und am Rand zu stehen.

Judith Zander erzählt in der Du-Perspektive von einer Kindheit in einer durchschnittlichen Familie mit Vater, Mutter und Bruder. Johnny hat die "Perspektive der Anderen", nicht sie ist anders, sondern alle anderen. Sie erlebt ihr Heranwachsen im Niemandsland, gehört nicht zu den typischen Mädchen und auch nicht zu den Jungen. Sie passt nicht in die geschlechterspezifischen Kategorien, in die "Kategorienknäste", wie es heißt.

Die Mutter verlässt die Familie und lässt die fast erwachsenen Geschwister beim Vater zurück. Nach dem Abitur verlässt Johnny ihre Heimat, sie studiert in Finnland, lebt einige Jahre in Australien. Sie verliebt sich in Männer und in Frauen, ist uneindeutig in ihren Vorlieben und findet immer wieder Menschen, die sich zwischen den Geschlechtern bewegen.

Der Roman verzichtet auf Etiketten - würde man Johnny "divers" nennen, wäre das Leben weder einfacher noch eindeutiger. Judith Zander formuliert präzise und bildhaft, Begriffe finden sich in neuen Kontexten, einzelne Worte bekommen andere Zusammenhänge, werden neu sortiert. Dazu kommen Passagen in englischer Sprache, Liedtexte und plattdeutsche Zeilen.

Johnny Ohneland ist ein Reiseroman. Die Du-Perspektive zwischen der Erzählerin und ihrer Hauptfigur, erlaubt Judith Zander das nötige Maß an Nähe und Distanz, kommt ihr aber nahe genug. Johnny hat sich selbst auf der Reise besser kennengelernt, bleibt dabei, sich nicht festzulegen. Es gibt keine Eindeutigkeit.

Johnny Ohneland ist auch ein Familienroman, der von der Spannung zwischen der Emanzipation von alten Rollenbildern und dem Wunsch nach einem Zuhause und einer heilen Familie lebt. Ein anspruchsvoller Text, der es schafft, Kategorien aufzubrechen und Neugier für mutige und einsame Lebensentwürfe zu wecken.

Eine Rezension von Susanne Wankell

Judith Zander über "Johnny Ohneland"

WDR 5 Bücher - Autoren im Gespräch 12.09.2020 11:15 Min. Verfügbar bis 11.09.2021 WDR 5

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Literaturangaben:
Judith Zander: Johnny Ohneland
dtv, 528 Seiten, 25 Euro

Stand: 11.09.2020, 03:08