Jörg-Uwe Albig über "Das Stockholm-Syndrom und der sadomasochistische Geist des Kapitalismus"

Jörg-Uwe Albig über "Das Stockholm-Syndrom und der sadomasochistische Geist des Kapitalismus"

Autor im Gespräch

Jörg-Uwe Albig über "Das Stockholm-Syndrom und der sadomasochistische Geist des Kapitalismus"

Die Unternehmesberaterin Katrin Perger übernimmt den Auftrag, eine Bindung zu einem Entführten aufzubauen – sie kennt sich damit aus, hat sie doch in ihrem Studium zum Stockholm-Syndrom gearbeitet. Es entsteht ein groteskes Szenario zwischen Realität und Fiktion.

In einer Hütte im idyllischen Bergland sitzt der Kunstsammler Frido von Sendmühl, angekettet und eingesperrt. Er wurde entführt und soll gegen 10 Millionen Euro Lösegeld eingetauscht zu werden.

Entführungen sind das Geschäftsmodell des Dienstleistungsunternehmens Human Solutions, dessen Eigentümerin Sabine Seggle dieses Marktsegment perfektionieren will. Sie engagiert die Beraterin Katrin Perger, Psychologin ohne Examen, die sich für ihre Abschlussarbeit mit dem Thema "Das Stockholm-Syndrom und der sadomasochistische Geist des Kapialismus" beschäftigt hat und Fragmente der Abhandlung in einem Blog veröffentlicht.

Katrin Pergers Business-Coaching-Modell wird nachgefragt, sie berät Firmen – egal was diese herstellen oder verkaufen, ihre Methoden, so ihre Überzeugung, lassen sich überall anwenden. Warum nicht auch bei Entführungen, da ist sie schließlich Spezialistin. Also macht sie sich im Auftrag von Human Solutions daran, eine Beziehung zu dem Adelssproß aus gutem Hause, Frido von Sendmühl, aufzubauen. Ärgerlich nur, dass dessen Familie ihn nicht zurück haben will und damit das Geschäftsmodell nicht funktioniert.

Jörg-Uwe Albig begleitet in seinem Roman ie Transformation des Entführten vom Opfer zum Akteur. Sein Buch ist eine verrückte Geschichte, die die Entführungsindustrie nicht anders beschreibt als andere Wirtschaftszweige. Waffen, Menschen, Autos – mit allem wird gehandelt, alles wird durch Coaching optimiert, wenn denn die Nachfrage stimmt.

Zusätzlich liefert das Buch in einer zweiten Ebene – kursiv gesetzt und so auch im Schriftbild erkennbar – Hintergrundinformationen zum Phänomen "Stockholm-Syndrom", informiert über den Fall Natascha Kampusch und liefert Gedanken zum Wesen des Kapitalismus, Fiktion und Realität kommen zusammen.

Dabei kommt durch einen amüsiert-distanzierten Tonfall, der auch Ironie gegen die handelnden Personen aufblitzen lässt und groteske Situationen lakonisch beschreibt, nie wirklich die Sorge auf, es könnte wirklich Gewalt ins Spiel kommen.

Die Absurditäten des Settings nehmen der Entführungsgeschichte die Schärfe. Jörg-Uwe Albig liefert hier eine interessante Anwort auf die Frage, was Menschen bewegt, gegen ihre eigenen Interessen zu handeln.

Eine Rezension von Susanne Wankell

Jörg-Uwe Albig über "Das Stockholm-Syndrom und ..."

WDR 5 Bücher - Autoren im Gespräch 01.05.2021 11:19 Min. Verfügbar bis 30.04.2022 WDR 5


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Literaturangaben:
Jörg-Uwe Albig: Das Stockholm Syndrom und der sadomasochistische Geist des Kapitalismus Klett-Cotta, 240 Seiten, 20 Euro

Stand: 30.04.2021, 16:37