Jens Mühling über "Schwere See. Eine Reise um das schwarze Meer"

Jens Mühling über "Schwere See. Eine Reise um das schwarze Meer"

Autor im Gespräch

Jens Mühling über "Schwere See. Eine Reise um das schwarze Meer"

Jens Mühling bringt das Schwarze Meer zum Erzählen. Mit Menschenkenntnis und Hintergrundwissen bringt der Journalist Jens Mühling die Menschen und Landschaften des Schwarzen Meers zum Sprechen.

Schon in der Antike schauten griechische Seefahrer mit einem mulmigen Gefühl nach Norden: auf das Schwarze Meer und die skythischen Reiternomaden, die jenseits des Wassers lebten. Manche bringen die Entstehung dieses Binnenmeeres gar in Verbindung mit der Geschichte von der biblischen Sintflut.

Viele Jahrtausende, Reichsgründungen und Migrationsbewegungen später reist der Journalist Jens Mühling einmal rund um dieses geschichtenträchtige Meer – durch Russland, Abchasien, Georgien, die Türkei, Bulgarien, Rumänien, die Ukraine und über die Krim. Im Gespräch mit den Menschen zwischen Odessa, Sotschi und Istanbul fällt dem Autor immer wieder eines auf: Die Geschichte wiegt schwer in den Köpfen der Bewohner.

Schon weit vor Stalin und Atatürk waren die Menschen am Schwarzen Meer Spielball großer Reiche, herumgeworfen und vertrieben von deren Interessen. Das wirkt bis heute nach. Kosaken, Krimtataren, pontische Griechen, Abchasen, alle halten die Wunden der Vergangenheit offen – und damit die nationalen Erzählungen lebendig, die sie damit verbinden. Das Meer, das alle zusammen hält, heißt in jedem Land anders. Und in keinem ist es schwarz.

Die Dinge sind nicht immer so, wie sie heißen, beobachtet Jens Mühling. Er lässt sprechen, was diese Länder ausmacht, ihre Menschen, ihre Meeresbewohner und Legenden, ihre Fischerboote, Denkmäler und historischen Verwerfungen. Der Journalist und Osteuropa-Kenner ist ein regelrechter Menschenfänger. Er kommt mit den Menschen in Gespräch, wird eingeladen. Sie erzählen dem fremden Reisenden von ihren Hoffnungen und Enttäuschungen, von bewegten Familiengeschichten und identitätsstiftender Historie.

Der gut eingearbeitete Mühling bleibt dabei immer Journalist. Er gibt ihnen Kontra, hakt nach, geht ihnen nicht auf dem Leim. Auch wenn ihn zwei Fischer mit russischer Gastfreundschaft und Selbstgebrannten an den Stuhl fesseln. Ein Buch voller Stimmen und Geschichten, nach dessen Lektüre einem ein bisschen der Kopf schwirrt. Aber auf angenehme Weise, als käme man von einer Reise zurück.

Eine Rezension von Fabian May

Jens Mühling über "Schwere See. Eine Reise um das schwarze Meer"

WDR 5 Bücher - Autoren im Gespräch 18.07.2020 11:57 Min. Verfügbar bis 17.07.2021 WDR 5

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Literaturangaben:
Jens Mühling: Schwere See. Eine Reise um das schwarze Meer
Rowohlt Verlag , 320 Seiten, 22 Euro

Stand: 17.07.2020, 14:04