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Hengameh Yaghoobifarah über "Ministerium der Träume"

Hengameh Yaghoobifarah

Autorin im Gespräch

Hengameh Yaghoobifarah über "Ministerium der Träume"

Als Kolumnist*in bringt sie nicht nur Konservative gegen sich auf. In ihrem* Debütroman aber schlägt Hengameh Yaghoobifarah auch zarte Töne an und erweist sich als großes erzählerisches Talent.

Hengameh Yaghoobifarah gilt als "berüchtigte" taz-Kolumnist*in, seit sie letzten Sommer mit dem Text "All cops are berufsunfähig" quasi zur Staatsfeind*in Nr. 1 avancierte. Sogar Bundesinnenminister Horst Seehofer kündigte an, Strafanzeige gegen sie* zu stellen. Die Polizei als Feindbild, das ist eine Sache, im Allgemeinen bezeichnet Yaghoobifarah weiße Deutsche gern als "Kartoffel" und "Annikas".

Jung, queer, links, muslimisch sozialisiert und sich nicht im binären Geschlechtermodell identifizierend spiegelt die Journalist*in der Mehrheitsgesellschaft, wie es sich anfühlt als Stereotyp begriffen und beschimpft zu werden. Nun aber zeigt Yaghoobifarah in ihrem* Debütroman "Minsterium der Träume", dass sie* als Menschenkenner*in zu sehr viel ausgefeilteren Figurendarstellungen in der Lage ist und außerdem ein ausgezeichnetes Gespür für Dramaturgie hat.

Erzählerin Nasrin ist Mitte vierzig, bezeichnet sich selbst als migrantische Lesbe und arbeitet in einer queeren Bar in Berlin als Türsteherin. Als Schwester Nushin bei einem Autounfall ums Leben kommt, muss Nasrin Verantwortung übernehmen und für die 14-jährige Nichte Parvin sorgen. "Wie aber sieht linksradikale Pädagogik jenseits der Deutschness aus?", fragt Nasrin halb humorvoll, halb verzweifelt.

Nasrin mag selbstbewusst rüberkommen mit ihrem queeren Slang und Abgrenzungszwang, trägt aber allerlei Verletzungen und Traumata mit sich herum. Rückblenden führen in die 1990er Jahre. In Hoyerswerda und Lichtenhagen brennen Asylbewerberheime. Man muss auf sich selbst aufpassen, der Staat tut es nicht, hat Schwester Nushin der Tochter auf den Weg gegeben.

Nasrin und ihre Clique aus Einwander*innenkindern sind wehrhaft und gehen gegen ein NSU-ähnliches Netzwerk vor. Und das zu einer Zeit, als man in der Realität nicht wahrnehmen wollte, dass solche Organisationen existieren könnten. Ein kleiner Seitenhieb gegen den Staat und ein Anschreiben gegen den Schmerz.

Auch Leser*innen der Kategorie "Annika", "Kartoffel" oder "Alemans" wie die Rezensentin nimmt es mit, wie Yaghoobifarah über Verlust, verdrängte Traumata, Geschwisterliebe, Freundschaft und Pubertät schreibt. Sie schenkt uns allen eine umwerfende Erzählerin. Der Literatur gelingt das, woran andere gesellschaftliche Kommunikationssysteme im Kampf der Identitätspolitiken scheitern: Empathie und Verständnis für die Subjektivität des*der Anderen zu erzeugen.

Eine Rezension von Mareike Ilsemann

Hengameh Yaghoobifarah über "Ministerium der Träume"

WDR 5 Bücher - Autoren im Gespräch 06.03.2021 12:03 Min. Verfügbar bis 05.03.2022 WDR 5


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Literaturangaben:
Hengahmeh Yaghoobifarah: Ministerium der Träume
Blumenbar, 382 Seiten, 22 Euro

Stand: 05.03.2021, 12:30