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Alem Grabovac über "Das achte Kind"

Alem Grabovac über "Das achte Kind"

Autor im Gespräch

Alem Grabovac über "Das achte Kind"

Alem wächst zwischen dem harten Alltag des Arbeiterhaushaltes seiner Mutter und der bürgerlichen heilen Welt seiner Pflegefamilie auf. Dort ist er das achte Kind und am Wochenende der Sohn der Gastarbeiterin.

In seinem Roman "Das achte Kind" verarbeitet Alem Grabovac seine Lebensgeschichte. Er beginnt seinen Roman im kroatischen Heimatdorf seiner Mutter Smilja, wo sie in bitterer Armut aufwächst und die erste Gelegenheit nutzt, diesem Leben zu entkommen.

1969 reist sie als Gastarbeiterin nach Deutschland ein und arbeitet zunächst in einer Schokoladenfabrik in Würzburg. Sie lernt den Bosnier Emir kennen und wird kurz darauf mit Alem schwanger. Emir führt ein unstetes Leben als Kleinkrimineller und mit viel Alkohol, Smilja muss sich allein um ihren Sohn kümmern und gibt Alem in eine Pflegefamilie.

Die Familie Behrens hat selbst sieben eigene Kinder, dort wächst der Junge als achtes Kind auf, zieht mit seiner deutschen Familie in die schwäbischen Provinz. Die Wochenenden verbringt er mit seiner Mutter und deren neuen Freund Dusan im Frankfurter Bahnhofviertel, wo sie mittlerweile lebt. Seine Besuche bei der Mutter werden zunehmend unerträglicher, Dusan prügelt ihn und beschimpft ihn.

Sein leiblicher Vater ist gestorben, die Wahrheit über seinen Tod erfährt Alem spät, seine Mutter lässt ihn viele Jahre im Unklaren. Und auch die heile Welt in der schwäbischen Provinz bekommt Risse, als Alem realisiert, dass sein Pflegevater Robert, den er sehr gern hat, ein ehemaliger Wehrmachtssoldat und Antisemit ist, er zieht sich von seiner Pflegefamilie zurück. Das Verhältnis zu seinem Pflegevater bleibt belastet, mit seinem leiblichen Vater kann er sich aussöhnen und auch Dusan kann er verzeihen.

"Das achte Kind" ist eine versöhnliche Geschichte. Das Gastarbeiterkind Alem ist in der schwäbischen Provinz ebenso zuhause wie in der Etagenwohnung in Frankfurt, wo er oft einsam seine Wochenenden verbringt. Und auch das Heimatdorf seiner Mutter gehört zu seiner Kindheit. Dort in Kroatien erlebt er in den Sommerferien die bittere Armut, die so gar nichts mit seinem behüteten Alltag bei den Behrens zu tun hat.

Alem Grabovac nennt seinen dokumentarischen Bericht einen autofiktionalen Roman. Es ist seine Lebensgeschichte, angereichert mit literarischen Elementen und erdachten Episoden. Er schreibt in dem lakonischen Stil, den seine Leserinnen und Leser aus seinen Zeitungskolumnen kennen, vom Schmerz über die Gesinnung seines Nazi-Pflegevaters und darüber, wie er dem Freund seiner Mutter eine zweite Chance geben kann.

Er öffnet den Blick für Lebensgeschichten von Menschen, die in verschiedenen Welten leben. Alem Grabovac schafft es, die Gegensätze mit Toleranz und Verständnis für die Unterschiedlichkeiten zu leben und nicht mit Abgrenzung und Ablehnung zu reagieren. Es ist ein generöser Roman.

Eine Rezension von Susanne Wankell

Alem Grabovac über "Das achte Kind"

WDR 5 Bücher - Autoren im Gespräch 21.02.2021 11:56 Min. Verfügbar bis 19.02.2022 WDR 5


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Literaturangaben:
Alem Grabovac: Das achte Kind
hanser blau, 256 Seiten, 22 Euro

Stand: 19.02.2021, 14:02