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"Zur blauen Stunde" von von Amir Eshel

Buchcover: "Zeichnungen - Gedichte und Bilder" von Amir Eshel u. Gerhard Richter

Aktuelle Lyrik

"Zur blauen Stunde" von von Amir Eshel

Ein weit gerühmter Maler und Bildhauer aus Köln und ein Professor und Dichter aus Stanford haben sich zusammengetan und ein außergewöhnliches Buch mit Zeichnungen und Gedichten herausgegeben.

Gerhard Richter ist ein Gegenwartskünstler, dessen Werke zu den teuersten auf dem Kunstmarkt gehören. Amir Eshel ist ein Literaturwissenschaftler für hebräische und deutsche Literatur. Ihr gemeinsames Buch "Zeichnungen" zeigt 25 Bilder von Richter und 24 Gedichte von Eshel.

Am Anfang war das Gespräch. Ein Gespräch, das Gerhard Richter und Amir Eshel 2016 im Atelier des Malers führten. Inhaltlich ging es um die Frage, "ob und wie man den Holocaust mit den Mitteln der Kunst darstellen könnte". Gerhard Richter hatte 2014 seinen "Birkenau-Zyklus" abgeschlossen, der sich auf Bilder bezieht, die Häftlinge des nationalsozialistischen Vernichtungslagers Birkenau gemalt hatten.

Aus diesem Gespräch erwuchs die Idee eines gemeinsamen Projekts. Gerhard Richters Werk "40 Tage", eine Reihe von Zeichnungen, die der Maler für das Buch noch einmal umgestaltete, sollte dabei Bezug sein für Amir Eshels korrespondierende Gedichte.

Obwohl, wie der Verlag kundtut, der Ausgangspunkt für "Zeichnungen" die Diskussion beider über Möglichkeit und Unmöglichkeit einer künstlerischen Darstellung des Holocaust war, dürfte der Leser in der Zusammenarbeit von Richter und Eshel hier wenige sichtbaren Spuren davon finden. Vielmehr zeigt dieses Werk, was den lyrischen Inhalt angeht, eine Sammlung von Gedichten, die dem Moment zu entspringen scheinen, obwohl sie dem bildnerischen Gegenüber verpflichtet sind.

"Der Schneeflockentanz", "Im Taxi", "Die Stimme geht ins Schweigen über" oder "Zur blauen Stunde": Amir Eshel versteht es auf sehr sensible Weise, Linien und Formen der Bilder von Gerhard Richter in versierte, poetische Sprache umzusetzen. "Zeichnungen" ist ein, im wahrsten Sinne des Wortes, schönes Buch, das dazu einlädt, sich in die Zeichnungen von Gerhard Richter zu vertiefen und zu entdecken, was der Dichter Amir Eshel daraus gelesen hat.

Eine Rezension von Matthias Ehlers

Literaturangaben:
Amir Eshel u. Gerhard Richter: Zeichnungen - Gedichte und Bilder. Hebräisch / Deutsch
Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, 72 Seiten, 48 Euro

Stand: 15.03.2019, 11:42