Buchcover: "Zeit ist eine Mutter" von Ocean Vuong

Aktuelle Lyrik

"Zeit ist eine Mutter" von Ocean Vuong

Stand: 13.05.2022, 12:25 Uhr

Zum Schmerz des Einwandererkinds kommt der Schmerz des Verlustes hinzu: In seinem zweiten Gedichtband findet Ocean Vuong Kraft und Schönheit in den Tiefen der Trauer um seine Mutter.

In der Iris seiner sterbenden Mutter sieht der Erzähler einen Fisch mit seinem Gesicht, der "einmal zuckt/ dann nicht mehr muckst". Er, der Angler bleibt zurück - "auf einmal ein Junge/der viel zu tragen hat". Das Bild des Jungen, der in der silbrigen Iris der Mutter schwimmt, lässt erahnen, wie tief die Verbindung gewesen ist.

Die Mutter steht im Mittelpunkt des stark autobiographisch gefärbten Werks des vietnamesische-amerikanischen Lyrikers und Romanciers. An die vietnamesische Mutter, die nicht lesen und schreiben konnte, richten sich die Briefe des Sohn-Erzählers in Vuongs gefeiertem Roman "Auf Erden sind wir kurz grandios".

Mutter und Tante hatten Vietnam über ein Flüchtlingslager auf den Philippinen in Richtung USA verlassen. Da war der 1988 in Saigon geborene Ocean Vuong zwei Jahre alt. Der Vater war gegangen, die Mutter bringt den Sohn mit der Arbeit in einem Nagelstudio durch. Ihr Tod schickt den sensiblen Poeten auf eine Achterbahn der Emotionen. Da steht die Trauer vor der Haustür wie ein dunkler, schöner Stier.

"Zeit ist eine Mutter" erzählt in episodischen Beobachtungen, Notizen und Erinnerungen vom Ausnahmezustand danach. Vuong setzt selten Satzzeichen, es ist als ob der Schmerz sie verschlungen hat. "Sie behandeln mich gut", heißt es in den Zeilen an Freund Peter aus der Psychiatrie; "ich bin nämlich nicht da die xanax löst sich & ich bin ok" notiert Vuong lakonisch, ohne den Sinn für das Absurde zu verlieren: "Ich schaffe es zum leseraum / sie haben einer flog über das kuckucksnest stell dir vor".

Zum Schmerz über den Verlust gesellt sich der selbstdestruktive Schmerz des Einwandererkindes aus Vietnam. Mit bitterbösem Blick entlarvt Vuong die Oberflächen und die Heuchelei des heutigen Amerika: "Du bist schon ein Glückspilz. Du bist schwul und außerdem kannst Du über den Krieg und so Zeug schreiben. Ich bin nur weiß. (Pause) Ich hab gar nichts.", soll eine junge Frau auf einer Party zu ihm gesagt haben. "Weil jedes Kind weiß, dass gelber Schmerz, in amerikanische Buchstaben gepresst, zu Gold wird", kommentiert der Chronist mit bitterbösem Blick.

Der Dichter zwischen den Kulturen beginnt zu weinen, wenn er durch die amerikanischen Weiten fährt und Didions "Weißes Album" liest. Vuong schaut immer hinter die Fassaden des amerikanischen Traums. Trauma und Verletzungen bringen bei Vuong aber auch eine ungeheure Kraft hervor. Mit seinen Zeilen dringt er in die Untiefen Amerikas vor.

Die "Ars Poetica" wird zur Schöpferkraft, die aus Wunden einen Rachen macht, dessen Schreie "Silber streuen", wie er es in einem Gedicht beschreibt. Der Preis für seine Authentizität sei zu hoch, beklagt das dichtende Ich an einer Stelle. Aber die Welt wäre so viel ärmer, wenn er schwiege.

Eine Rezension von Mareike Ilsemann

Literaturangaben:
Ocean Vuong: Zeit ist eine Mutter. Gedichte
Aus dem Englischen von Anne-Kristin Mittag
Hanser Verlag, 2022
112 Seiten, 12 Euro