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"Wilde Iris" von Louise Glück

Buchcover: "Wilde Iris. Gedichte" von Louise Glück

Aktuelle Lyrik

"Wilde Iris" von Louise Glück

Als im Oktober bekannt wurde: Der Literaturnobelpreis geht in diesem Jahr an Louise Glück, waren ihre Gedichtbände auf deutsch vergriffen. Nun kommt die Neuauflage. Frisch auf dem Markt: "Wilde Iris" und "Averno".

Es war eine Überraschung, dass nach Bob Dylan 2016 wieder jemand aus dem lyrischen Fach und aus den USA den Nobelpreis für Literatur erhält. Eigentlich konnte man diese Entscheidung nur politisch deuten, eindeutig war das Ansinnen des Nobelpreis-Komitees, dem herrschenden Bild der USA , geprägt durch Donald Trump, ein anderes entgegenzusetzen. Das sollte die, die es noch nicht wussten oder vergessen hatten, daran erinnern, dass die USA trotz allem eine große Kulturnation sind.

Anyway, jetzt sind die Gedichtbände "Wilde Iris" und "Averno" von Louise Glück wieder da. 56 Gedichte finden sich in "Wilde Iris", die zweisprachig veröffentlicht sind. Es sind Gedichte, die um Natur und Mensch kreisen, und in denen Louise Glück die Perspektiven wechselt, um dem Inhalt unseres Daseins auf die poetische Schliche zu kommen. Louise Glück versetzt sich wahlweise in ein Schneeglöckchen, in einen Gärtner und in den ganz großen Gärtner, den wir Gott nennen. Das ist hübsch zu lesen und durch Louise Glücks klare Sprache sehr verständlich.

Im zweiten Lyrikband "Averno", auch zweisprachig, geht es um eine Neu-Verdichtung des antiken Persephone-Mythos‘. Wer nicht (mehr) weiß, was es damit auf sich hat– so wie der Rezensent–, sei hier kurz erinnert: Die von Hades entführte Persephone oder Kore, Tochter der Demeter, sollte in der Unterwelt ihr Dasein fristen, was ihr allerdings auf Dauer zu dunkel war. Nach Verhandlungen zwischen Demeter und Zeus einigte man sich auf einen Kompromiss. Nur einen Teil des Jahres sollte Persephone in der dunklen Unterwelt leben, den anderen in der Oberwelt. Seitdem gibt es Sommer und Winter – wenn man den alten Griechen glaubt. So weit das antike Vorbild.

In "Averno" zieht Louise Glück in ihren Gedichten den ganzen vorbildlichen Kanon durch: Mutter-Tochter-Drama, Trennung und Heimkehr sowie Liebe und Nicht-Liebe - und mehr. Auch "Averno" bietet wie "Wilde Iris" unverschlüsselte, gefällige Lyrik. Überzeugend und mit feinem Gespür übersetzt wurden beide Bände von Ulrike Draesner, die über die Lyrik von Louise Glück feststellte:

"Einfach erscheint ihre Sprache eben nur an der Oberfläche. Tatsächlich entfaltet sie aber ein ganzes Gedankengewebe. Für mich war das oft der erste Zugang überhaupt, dieses Gedankengewebe zu verstehen. Das sind wirkliche Erkundungen. Die Gedichte sind sinnlich, sie sind anschaulich, sie sind sehr bildkräftig und manchmal auch sehr bildschön. Und zugleich bewegen sie aber noch etwas dazu und erzählen von Gedanken, oder auch von Emotionen, von seelischen Zuständen".

Wer mitreden will, wenn’s um die diesjährige Literaturnobelpreisträgerin, Louise Glück geht, kann mit "Averno" und/oder "Wilde Iris" nichts falsch machen.

Eine Rezension von Matthias Ehlers

Literaturangaben:
Louise Glück: Wilde Iris. Gedichte. Zweisprachige Ausgabe.
Aus dem amerikanischen Englisch von Ulrike Draesner
Sammlung Luchterhand, 144 Seiten, 12 Euro

Louise Glück: Averno. Gedichte Zweisprachig
Aus dem amerikanischen Englisch von Ulrike Draesner
Sammlung Luchterhand, 176 Seiten, 16 Euro

Stand: 13.11.2020, 13:41