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"Feuerfürchtig und wasserscheu" aus "Werke in vier Bänden" von Christine Lavant

Buchcover: "Werke in vier Bänden" von Christine Lavant

Aktuelle Lyrik

"Feuerfürchtig und wasserscheu" aus "Werke in vier Bänden" von Christine Lavant

Es hat gedauert und es hat sich gelohnt. Die vierbändige kommentierte Werkausgabe der Ausnahme-Dichterin Christine Lavant ist vor kurzem im Wallstein Verlag erschienen.

Christine Lavant ist in vielerlei Hinsicht eine außergewöhnliche Schriftstellerin. Als neuntes Kind eines Bergmanns und einer Schneiderin wuchs die 1915 geborene Christine Lavant in sehr armen Verhältnissen in Kärnten im Lavanttal auf. Seit 1948 nannte sich die 1915 geborene Christine Thonhauser nach dem Fluss im Tal, wo sie auch zur Schule ging.

Dass sie 1929 die Volksschule abbrach, war ihren diversen Tuberkulosen geschuldet, die sie mit Taub- und Blindheit bedrohten und ihre Ursachen in den Verhältnissen hatte, in denen Christine Lavant aufwuchs. Es war der behandelnde Arzt, der ihr Kontakte zu Verlagen herstellte u. a. zum Brentano Verlag in Stuttgart, der 1948 ihre erste Erzählung "Das Kind" veröffentlichte.

Seitdem und bis in die 50er Jahre des 20. Jahrhundert hat Christine Lavant mehr als 1700 Gedichte und 1200 Seiten Prosa geschrieben. Die Hälfte war bisher unveröffentlicht und bildet Band 3 und 4 der Werkausgabe, nämlich "Gedichte aus dem Nachlass" bzw. "Erzählungen aus dem Nachlass".

Es muss ein äußerst starker Impuls gewesen sein, der diese Frau zu so einem umfangreichen und einzigartigen Werk trieb, für das Christine Lavant spät, aber zum Glück nicht zu spät, auch die branchenübliche Anerkennung in Form von zwar wenigen, aber bedeutenden Literaturpreisen erhielt. Christine Lavant schrieb unverstellt und unbeeindruckt durch bildungsbürgerliche Konventionen und Ausbildungen, was ihr auch früh die Aufmerksamkeit von Thomas Bernhard sicherte, der ihre Dichtung zu den "Höhepunkten deutscher Lyrik gehörend" bezeichnete.

Wiederkehrende Aufenthalte in der Psychiatrie hielten Christine Lavant nicht davon ab, in konzentrierten Schaffensphasen nicht nur ein umfangreiches Lyrik- und Prosawerk zu erschaffen, auch als Malerin machte sie auf sich aufmerksam. Christine Lavants Lyrik ist ein Schreiben gegen die Widrigkeiten ihres Lebens, ein Aufbäumen gegen ihr Unglück, ein Formulieren gegen die Depressionen. Es ist starke existenzialistische Dichtung, die uns einen Menschen nahe bringt, der sein Leben nur schreibend verarbeiten und überleben konnte.

Diese sprachstarke, bilderreiche Lyrik, der ein ganz eigener Klang innewohnt, ist emotional zutiefst berührend und verlangt Leser und Leserin einiges ab. Die jetzt erschienene, kommentierte und damit weiterführende Werkausgabe ist perfekt dazu angetan, die einzigartige Christine Lavant und ihr geniales Werk kennenzulernen oder die Kenntnisse darüber zu erweitern.

Eine Rezension von Matthias Ehlers

Literaturangaben:
Christine Lavant: Werke in vier Bänden
Herausgegeben von Klaus Amann und Doris Moser im Auftrag des Robert-Musil-Instituts der Universität Klagenfurt und der Hans Schmid Privatstiftung
Wallstein Verlag, 2998 Seiten, 99 Euro

Stand: 19.02.2021, 14:18