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"Wer glaubt noch" von Hertha Kräftner

Buchcover: "Frauen | Lyrik. Gedichte in deutscher Sprache" herausgegeben von Anna Bers

Aktuelle Lyrik

"Wer glaubt noch" von Hertha Kräftner

"Frauen I Lyrik" heißt eine Anthologie, die jüngst in die Buchläden kam.
Was ist das? Lyrik nur von Frauen? Mal wieder ein neuer Kanon deutscher Dichterinnen?

Der Titel weist den Weg. Ein kleiner Strich trennt die beiden Wörter. Hier geht es um Frauen und Lyrik. Bisher erschienene Anthologien zu dem Thema, wie u.a. 1978 Gisela Brink-Gablers Buch "Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart", waren Sammlungen mit mehr oder weniger berühmten Gedichten von Lyrikerinnen mit der Absicht einer Kanonbildung. Auch dazu veröffentlicht, der männlichen Dichter-Dominanz in der Lyrik ein weibliches Gegengewicht zu verschaffen, à la: "Seht her, es gibt auch ganz viele große Dichterinnen!"

Das Konzept von "Frauen I Lyrik" ist neu. Vier Grundgedanken ordnet die Literaturwissenschaftlerin Anna Bers den Gedichten dieser Anthologie zu. Da wäre einmal die Abteilung "Kanon wie gehabt" mit den üblichen Verdächtigen – Kriterium: bekannte Dichterinnen, die bekannte Lyrik verfasst haben. So wie etwa "Der Knabe im Moor" von Annette von Droste-Hülshoff.

Einer zweiten Gruppe zugehörig sind, so die Herausgeberin Anna Bers, "Texte von Autorinnen aus der Literaturgeschichte, die so typisch für eine bestimmte Epoche sind, dass sie etwa wegen fehlender Innovation niemals berühmt werden konnten". Hier lernen wir viele neue Dichterinnen kennen wie Francisca Stoecklin oder Emerenz Meier.

Eine dritte Kategorie versammelt emanzipatorische Lyrik – und da tauchen die ersten Männer auf. Kriterium ist hier nicht das Geschlecht, sondern die emanzipatorische Haltung im Gedicht. Dort finden wir dann Gedichte wie "Die Dreiunddreißigjährige" von Hans Magnus Enzensberger.

Die vierte Abteilung versammelt dann nur noch Dichter – nämlich solche, die "Weibliche Perspektiven" in Gedichten eingenommen haben wie u.a. Bertolt Brecht, Hermann Ludwig Uhland und Rolf Dieter Brinkmann. Auch "Großmamas Lied" vom Spaßmacher Heinz Erhardt und "Die erste alte Tante sprach" vom Gottvater des fröhlichen Reims, Wilhelm Busch, kommen hier zu Ehren.

500 Gedichte insgesamt gibt’s in "Frauen I Lyrik" zu lesen: vom "Ersten Merseburger Zauberspruch" aus dem 9. Jahrhundert bis hin zu Barbara Köhlers Neufassung von Eugen Gomringers umstrittenen Werk "Avenidas" aus dem Jahr 2017. Kurze Darstellungen aller vorkommenden Dichter*innen, ein ausführliches Register und ein erhellendes Nachwort finden sich am Ende dieses großartigen Buches, das erheblich Schweiß gekostet haben dürfte.

Dass hier Adele Schopenhauer, Lady Bitch Ray, Hildegard Knef und Hildegard von Bingen in einer Reihe nebeneinander stehen, spricht für einen offenen Kunstbegriff der Herausgeberin, der vieles zulässt. Anna Bers ist mit dieser Anthologie ein wahrhaft großes Werk gelungen, das für Germanistinnen und Germanisten ebenso wie für Jedermann und Jedefrau ein poetisches El Dorado sein dürfte.

Eine Rezension von Matthias Ehlers

Literaturangaben:
Anna Bers (Hrsg.): Frauen | Lyrik. Gedichte in deutscher Sprache
Herausgegeben im Auftrag der Wüstenrot Stiftung
Mit einem Nachwort von Anna Bers
Reclam Verlag, 879 Seiten, 28 Euro

Stand: 20.11.2020, 13:47