Buchcover: "Variation über das Thema Erwachen" von Tomas Venclova

"Variation über das Thema Erwachen" von Tomas Venclova

Stand: 20.05.2022, 15:13 Uhr

Tomas Venclovas Gedichtband "Variation über das Thema Erwachen" ist meisterhafte Literatur. Der Litauer dürfte den wenigsten ein Begriff sein. Das sollte sich ändern.

Wie gut, dass es Nachworte gibt, die man vor dem eigentlichen Text lesen kann. Im vorliegenden Fall ist das Nachwort von Michael Krüger nicht nur hervorragend geschrieben, es liefert auch den nötigen Kontext zu dem Lyrikband von Tomas Venclova, der 33 Gedichte aus 19 Jahren enthält. Und die haben es in sich.

So konstatiert der Übersetzer Cornelius Hell im Anhang, die Übersetzung der Lyrik des 1937 geborenen Tomas Venclova sei "in mehrfacher Hinsicht eine maximale Herausforderung". Wenn das schon der Übersetzer sagt, was soll dann der Rezensent sagen? Oder die Leserin?

Der litauische Schriftsteller Tomas Venclova, der die Sowjetrepublik 1977 verließ, dann in den USA lehrte und heute wieder in Vilnius lebt, schreibt über erzwungene und freiwillige Stationen im Leben, über das Altwerden, das Reisen und das Heimkehren.

Aber die Lyrik von Tomas Venclova, die Vorbild und Inspiration in der Poesie Anna Achmatowas und Ossip Mandelstams gefunden hat, ist alles andere als einfach zu entschlüsseln. Oft wurde sie mit der von Paul Celan verglichen, was ihre Zugänglichkeit betrifft.

Wie Paul Celan schreibt Tomas Venclova Gedichte, die eine Vielzahl von Bezügen enthalten, die auf den ersten und auch den zweiten Blick nicht ohne Vor- oder besser Nachkenntnissein ihrer vollen Dimension zu begreifen sind. Da hilft der Anhang, so z. B. bei dem Gedicht mit der Anfangszeile "Wo die Turmfamilie…", der mit der Information aufwartet, dass Tomas Venclova hier den Beginn eines Gedichtes eines seiner Vorbilder zitiert, nämlich den Beginn des Tiflis-Gedichtes von Ossip Mandelstam.

Und so könnte man sich theoretisch regelrecht durch alle Gedichte von Venclova arbeiten, die von antiken Verweisen, geographischen Quer-durch-die-Welt-Bezügen, literarischen Anspielungen und historischen Assoziationen nur so wimmeln. Theoretisch. Denn wer sollte all die verborgenen Bezüge kennen, es sei denn, er oder sie schreibt eine Dissertation über die Lyrik von Tomas Venclova?

Aber – und jetzt kommt das, was einen großen Dichter ausmacht, wie es z. B. auch der Waliser Dylan Thomas war –: Tomas Venclovas Umgang mit Sprache ist so überzeugend, dass seine Gedichte auch (fast) ohne Meta-Wissen absolut faszinieren. Und das liegt an Venclovas traumwandlerisch sicherem Umgang mit Rhythmus, Musikalität, Reim, Metapher, Bild usw., sodass das Lesen eines Venclova-Gedichtes zum wahren Vergnügen wird.

Eine Rezension von Matthias Ehlers

Literaturangaben:
Tomas Venclova: Variation über das Thema Erwachen. Gedichte.
Aus dem Litauischen von Cornelius Hell.
Mit einem Nachwort von Michael Krüger
Edition Lyrik Kabinett, Bd. 50
Hanser Verlag, 2022
112 Seiten, 20 Euro