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"Fromm macht mich der Garten" von Martin Walser

Buchcover: "Sprachlaub oder: Wahr ist, was schön ist" von Martin Walser

Aktuelle Lyrik

"Fromm macht mich der Garten" von Martin Walser

Er wird gerühmt für seine Romane, Erzählungen, Essays und Theaterstücke.
Aber von Zeit zu Zeit hat Martin Walser auch Gedichte geschrieben. Zuletzt war mal wieder die Lyrik dran. Walser-Klänge.

"Sprachlaub oder: Wahr ist, was schön ist" heißt das neueste Werk von Martin Walser, der jedem Gymnasiasten so vertraut sein dürfte, dass er wahrscheinlich von den meisten nach der Schulzeit nie wieder angerührt wurde. Das ist das Schicksal derjenigen, die im Deutschunterricht seit Jahrzehnten auf dem Plan stehen.

"Ein fliehendes Pferd" müsste über die Jahrzehnte millionenfach durch deutsche Klassenzimmer geflohen und geflogen sein, diese Geschichte über die Lebenskrisen westdeutscher Lehrer- und Journalisten-Ehepaare in den 1970er Jahren, die sich von der Wirklichkeit abwenden und ihre Desillusionierung pflegen. Laub ist der Zustand, der jedem einst noch so grünen Blatt droht, wenn es altert. Und so dürfen wir das wohl verstehen, dass Martin Walser, der im März 94 Jahre alt wurde, heruntergefallene Wörter zusammengeharkt hat, auf dass sie sich unter seinen Händen zu Lyrik wandeln.

Auf rund 140 Seiten sind viele, mit wenigen Ausnahmen, kurze Gedichte in "Sprachlaub" zu lesen, die entweder an Kalender-Weisheiten erinnern oder anderweitig Einsichten bieten. Aus der Perspektive der Altersdistanz beobachtet und beschreibt der Altmeister Dinge, die nicht jedem direkt auffallen würden. Da ist die Rede von "noblen Brücken, von denen sich die Sprache in den Fluss stürzt" und von den "Freunden, die man durch Misserfolg verliert" und den "Freunden, die man durch Erfolg verliert".

Martin Walser räsoniert, moralisiert und jammert: "Im Garten wartet mein Freund Salbei, wartet meine Freundin Melisse auf mich; wenn mir nach Menschheit ist, habe ich Gras." Ein Schelm, der Böses denkt, sagt da der Rezensent, der auch noch lesen muss: "und das Gespräch gewähren mir Hund und Katze."

Armer Walser, von Gott und der Welt vergessen, angewiesen auf Gespräche mit Salbei, Gras und Katze. Aber mit Gras kann so wenigstens der Wunsch erklärt werden, "in Memphis am Mississippi zu stehen" und danach "Elvis Presley am Grab meiner Mutter zu treffen". Auch das noch: Martin Walser und Rock‘n’Roll. Man lernt nie aus. Aber für Walser gilt ebenfalls: Wem‘s gefällt …

Eine Rezension von Matthias Ehlers

Literaturangaben:
Martin Walser. Sprachlaub oder: Wahr ist, was schön ist
Mit Aquarellen von Alissa Walser 142

Stand: 18.06.2021, 16:24