Live hören
ARD Infonacht
23.03 - 06.00 Uhr ARD Infonacht
Buchcover: "Rückruf" von Marie T. Martin

Aktuelle Lyrik

"Rückruf" von Marie T. Martin

Stand: 14.04.2022, 08:39 Uhr

In diesen Tagen wäre die Lyrikerin und Erzählerin Marie T. Martin 40 Jahre alt geworden. Ihr letzter Gedichtband, "Rückruf", erzählt von der tiefen Verwurzelung im Kreatürlichen und dem Schwebezustand zwischen Erinnern und Vergehen.

Am 16. April, Ostersamstag, wäre die Lyrikerin und Erzählerin Marie T. Martin 40 Jahre alt geworden. Ihr letzter Gedichtband "Rückruf" erzählt von der tiefen Verwurzelung im Kreatürlichen und dem Schwebezustand zwischen Erinnern und Vergehen. Poetisch magisch und luzide ist Rückruf nun zu ihrem Vermächtnis geworden.

"Was siehst du ohne Augen?" - Diese Frage richtet Marie T. Martin in ihrem Gedicht "Brief im April" an einen Verstorbenen, eine Verstorbene. Briefe in die Vergangenheit, in die eigene oder an ein Du tauchen im Werk der jungen, vielfach ausgezeichneten Schriftstellerin mehrfach auf. Und in diesem Gedicht aus ihrem letzten Lyrikband "Rückruf" bittet sie den Angesprochenen: "Versprich mir wach zu bleiben, versprich mir eine Rede an die Seele."

Die beschwörende Formel enthält wesentliche Motive ihrer poetischen Arbeitsweise: Dialogische Annäherung, Wunsch nach Gespräch und Austausch, selbst mit den Toten, und die Verbindung auf der großen Zeitachse fremden und eigenen Lebens. "Was siehst du ohne Augen? Hier wachsen Blauschote und Glimmerkraut..." heißt es weiter.

Damit öffnet sich das lyrische Ich dem Kreatürlichen im Hier und Jetzt, in der Natur, als suchte es nach Heimat im tiefen Wissen um alles Lebendige. Die Suchbewegung setzt sich in eigenwillig schönen Bildern fort, zugleich durchdringt sie sprachlich eine Welt, die nur schwer fassbar scheint in ihrem Schwebezustand zwischen Ahnung und Erinnerung.

"Hier ist es wie nirgendwo, die Gräser leuchten." - Aufgewachsen im Dreisamtal, nahe ihrer Geburtsstadt Freiburg, hat Marie T. Martin früh einen engen Bezug zur Natur gefunden. Nach 12 Jahren in Köln ist sie wieder zu ihren Wurzeln zurückgekehrt. Ob ein Flusswuchs oder Farnvorhang, Regenhaut, Steinfrau oder der Wabenwunsch, in den organischen Bildern scheint ein geschützter Ort auf.

Doch bei zu viel Anverwandlung ist Vorsicht geboten, denn irgendwann wächst dir das "Zauderfell … und du erkennst sehr schnell, dass es dich überwächst." Und im Gedicht "Gesundung" wird deutlich, diese kann nur gelingen, nachdem der Wundfirst überstanden ist, dann "geht es aufwärts, nur aufwärts in das / jüngere Tal, wo das Immerkraut wächst / bei der Wetterkastanie beim Wunderahorn." Hier ist die Hoffnung auf Heilung zu hören – ein naheliegender Wunsch in Zeiten von Krankheit, der die Autorin beim Weiter-Schreiben möglicherweise getragen hat.

"Aus welchem Grund kommst du wurzellos hierher?" - Das Alphabet der Wahrnehmung wird vom "Augenblick" bestimmt. Ist der andere noch derselbe, wenn er aus der Küche kommt, oder hat man sich selbst derart verändert, während der Kaffee durchlief? Schon in ihrer Kurzprosa taucht schillernd ein Spiel mit Identitäten auf.

Den Bruchstücken der eigenen Identität ist die Fluchtgeschichte ihrer Vorfahren eingeschrieben, auch sie hatten „die Sprache immer im Gepäck.“ Und die harmlose Frage "Kennen wir uns nicht?" erzeugt mit ihrer vermeintlichen Nähe im Ton Erwartungen, die schnell kippen können. Bis die Grenzen im lyrischen Rückruf fließend werden, wie im Gedicht "Innerraum": "…dieses Ich, ein Flirren, eine wendige Ebene / voller schimmernder Ähren, vielfarbiger Gestalten, von nichts / verwaltet aber bewegt vom Hier- und Fortgehen…"

So klingt auch eine existenzielle Bewegung mit, ein „Zuhause, das sich täglich weiter verrückt.“ Dabei lässt die äußere Bewegung auf eine innere schließen.

"Später wird sich enthüllen, welche Sätze wichtig gewesen wären." - Sieben Jahre hat Marie T. Martin an den 63 Gedichten für Rückruf gearbeitet. Doch schon früh entwickelte sie in ihrer erzählenden Prosa – Luftpost; Vier Wände; Woher nehmen Sie die Frechheit, meine Handtasche zu öffnen – in ihren Hörspielen sowie im Lyrikdebüt "Wisperzimmer" den feinfühligen Blick für Menschen und Natur zu einem unverkennbaren Stil: mit sehr eigener Energie, einem skurrilen Humor, schwerelos und tiefgründig zugleich.

Ihre Texte lassen sich immer wieder lesen, jedes Mal entstehen neue Farben, Bilder, Assoziationen und Lesarten, die behutsam zwischen Ahnung und Erinnerung, Trauer, Reflexion, Hoffnung und dem Wunsch nach Heilung balancieren. Die Poetik ihres magischen Sprachrealismus reicht bis ins Ungesagte: Sie leuchtet in die Leere zwischen zwei Sätzen, ohne sie beim Namen nennen zu müssen, doch die Wahrnehmung von dort berührt unmittelbar.  

Neben vielen anderen Auszeichnungen erhielt die viel zu früh verstorbene Autorin das Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium, den Förderpreis des Landes NRW sowie den Grimmelshausen- und den Mörike-Förderpreis.

"Dass wir, wenn wir Zusammengehen nicht verschwunden sind." - Nicht nur gegen das Vergessen sind Marie T. Martins Gedichte mit den Lebenden und den Toten verbunden – in diesem Gefühl von Komplizenschaft bezieht sie sich auf John Bergers Vorstellung von Hoffnung. Diese Zuversicht ist spürbare Kraft ihrer Lyrik.

Auch die enge Beziehung zwischen Organischem und Metaphysischem entspringt dem magischen Denken: ‚Alles, woran man glaubt, beginnt zu existieren‘, wie Ilse Aichinger es formulierte. Doch Marie T. Martin weiß: "…vergiss nicht, dass du über die Milchstraße zurückmusst."

Vorausahnend gab sie dem Band ein Motto von Inger Christensen bei: ‚das licht der erinnerung; und das nachleuchten gibt es.' Wie sehr hat es sich bewahrheitet. Erinnerung an Marie T. Martin und das Nachleuchten ihrer Lyrik – beides große Geschenke an uns.

Eine Rezension von Bettina Hesse

Literaturangaben:
Marie T. Martin: Rückruf. Gedichte.
Poetenladen, 2021
96 Seiten, 18,80 Euro

Veranstaltungshinweis:
Im Literaturhaus Köln findet am 25.4. um 19 Uhr ‚Ein Abend für Marie T. Martin‘ statt.