Buchcover: "Republik der Taubheit" von Ilya Kaminsky

"Zu leben" aus: "Republik der Taubheit" von Ilya Kaminsky

Stand: 03.08.2022, 09:23 Uhr

"Deaf Republic" von Ilya Kaminsky erschien im Original 2019 in den USA und erzeugte wahre Lobeshymnen. Jetzt ist die "Republik der Taubheit" auch auf Deutsch erschienen. Lyrik im Zeichen des Krieges.

Die "New York Times" kürte "Deaf Republic" 2019 zum "besten Buch des Jahres" und die BBC listete Ilya Kaminsky unter die "12 Künstler, die die Welt veränderten". Das sind nur die herausragenden Beurteilungen von Werk und Autor, die anderen zahlreichen Auszeichnungen können hier gar nicht alle genannt werden.

Mal abgesehen von der müßigen Frage, ob ein Lyriker die Welt verändern kann, ist so eine hervorgehobene Einschätzung schweres Gepäck für einen Autor. Weil nämlich jeder und jede, die es interessiert, "Die Republik der Taubheit" und seinen Autor unter dieser Prämisse anschauen wird.

Anyway, Ilya Kaminsky ist ein ukrainisch-russisch-jüdisch-amerikanischer Dichter, Kritiker, Übersetzer und Lyrik-Professor, der 1977 in Odessa geboren wurde. 1993 verließ er mit seiner Familie die Ukraine und übersiedelte nach Kalifornien. Grund war der damals zunehmende Antisemitismus in der Ukraine. 1994 begann Ilya Kaminsky auf Englisch zu schreiben und ab ca. 2009 machte er sich an die "Republik der Taubheit", nicht ahnend, dass ein Krieg dieses Ausmaßes 2022 in der Ukraine stattfinden würde. Oder ahnte der Dichter doch etwas?

"Die 'Republik der Taubheit' ist ein Anti-Kriegsgedicht und passt jetzt durch den Ukraine-Krieg geradezu perfekt in die Zeit. So wird die Rezeption sehr aufmerksam stattfinden und es werden mehr Menschen dieses Buch lesen, was bestimmt gut ist. In der 'Republik der Taubheit' tut Ilya Kaminsky das, was ein politischer Autor gerne tut: Er klagt an. Im vorliegenden Fall die abseits stehende Menge, die ohne direkten politischen Einfluss ist, aber von Ilya Kaminsky trotzdem in die Verantwortung genommen wird.

Im ersten Text heißt es da, "in der Straße des Geldes in der Stadt des Geldes im Land des Geldes / unserem großartigen Land des Geldes, lebten wir (vergib uns) / glücklich während des Krieges."
Ilya Kaminsky hat es selbst in einem Interview so formuliert, nämlich, dass er beabsichtige, der Leserin und dem Leser seine falschen Vorstellungen zu nehmen und ihm zu helfen, "seine eigene Komplizenschaft zu erkennen".

"Unser Land ist eines, in dem ein Junge, der von der Polizei erschossen wird, stundenlang / auf dem Gehsteig liegt. / Wir sehen in seinem offenen Mund/ die Nacktheit / einer ganzen Nation. / Wir sehen zu. Sehen / andere zusehen."

Dass es eine "eigene Komplizenschaft" gibt durch das Zusehen, ist ein großes Verdikt von Ilya Kaminsky, aber was bleibt, ist, dass "Die Republik der Taubheit" sehr engagiert in Frage stellt, ob der Einzelne etwas tun kann oder sollte, um Kriege und das daraus folgende Elend zu verhindern. Und, dass Hilflosigkeit gegenüber Gewalt und Willkür nicht das letzte Wort der Geschichte sein sollte. Das formuliert Ilya Kaminsky mit eindringlichen Bildern in seinen Gedichten, die Leserin und Leser kaum unberührt lassen werden. Zu erwähnen wäre noch die einfühlsame Übertragung ins Deutsche von Anja Kampmann. Ein Buch zur Zeit.

Eine Rezension von Matthias Ehlers

Literaturangaben:
Ilya Kaminsky: Republik der Taubheit
Übersetzt von Anja Kampmann
Hanser Verlag, 104 Seiten, 22 Euro