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"Ohne mich" von Lidija Dimkovska

Buchcover: "Schwarz auf weiß" von Lidija Dimkovska

Aktuelle Lyrik

"Ohne mich" von Lidija Dimkovska

Lidija Dimkovska ist Romanautorin, Übersetzerin und Lyrikerin. Geboren 1971 in Skopje im heutigen Nordmazedonien, schreibt sich Lidija Dimkovska durch die jüngere Nachkriegsgeschichte des ehemaligen Vielvölkerstaates Jugoslawien.

"Jeden Tag betrachte ich mein Grab im Hof", schreibt Lidija Dimkovska in der ersten Zeile des ersten Gedichtes in "Schwarz auf weiß"; dieser Lyrikband ist in der verdienstvollen Reihe "Internationale Poesie" der "Parasitenpresse" erschienen. Dieser Anfang zeigt an, wohin die poetische Reise geht.

Lidija Dimkovska nimmt uns mit in eine Welt , die auch noch viele Jahre nach den Jugoslawienkriegen geprägt ist von den schweren Verletzungen an Körpern und Seelen der Menschen, die in diesen Kriegen gelitten haben. Es sind Gedichte über sie selbst und über Menschen, die Lidija Dimkovska auf der Straße und dem Markt trifft oder die sie als Familienväter, Mütter oder Kinder kennt. Deren Ängste und Traumata, deren Veränderungen und Verstümmelungen fasst sie in Worte, die konkrete Geschichten erzählen, dabei aber immer noch Poesie bleiben.

Da prophezeit sie: "Wenn alles gut geht, wirst auch du hier eines Tages Briefträger (…) der den toten Frauen die Briefe ihrer toten Männer vorliest." Oder sie schlüpft in die Rolle der Gastgeberin der Wannsee-Konferenz: "… natürlich kann ich Euch erzählen, was Eichmann damals sagte …" Und selbst wenn sich Lidija Dimkovska in New York, Berlin oder Lissabon befindet, ist der Hintergrund ihrer Lyrik verdunkelt durch die Schrecken des Krieges.

Lidija schreibt extrem gute Gedichte, die bisweilen wie kleine Roadmovies anmuten und unter die Haut gehen, dabei den Leser aber nicht in den Zustand der Schockstarre versetzen. Fast beiläufig, wie im Vorbeischlendern, erzählt sie in unaufdringlicher, glasklarer, äußerst prägnanter und bilderstarker Sprache die Geschichten, die sich hinter den Menschen und Dingen verbergen, ohne jemals in irgendeiner Form politische Positionen einzunehmen.

Falls der geneigte Leser oder Leserin jemals gefragt werden sollte, wo es hervorragende Dichtung zu lesen gibt, die sich mit der existenziellen Wirklichkeit von Menschen beschäftigt, die zum Spielball der Verhältnisse geworden sind, lautet die Antwort: "Du findest sie bei Lidija Dimbrowska in ‚Schwarz auf weiß‘!" Das ist ganz außergewöhnlich gute Lyrik.

Eine Rezension von Matthias Ehlers

Literaturangaben:
Lidija Dimkovska: Schwarz auf weiß. Gedichte.
Aus dem Mazedonischen von Alexander Sitzmann
Parasitenpresse, 66 Seiten, 10 Euro

Stand: 06.09.2019, 08:54