Buchcover: "Nichts, nur" von Walle Sayer

Aktuelle Lyrik

"Nichts, nur" von Walle Sayer

Stand: 14.01.2022, 10:18 Uhr

Walle Sayer hat sich dem scheinbaren Nichts verschrieben. Sein Gedichtband
"Nichts, nur" leistet nichts weniger als die Registrierung des Unmerklichen.

"Nichts, nur der Vollmond, der sich spiegelt im ruhigen Wasser?" – so lautet die erste Zeile im ersten Gedicht in Walle Sayers aktuellem Werk, und diese Zeile dürfte programmatisch für das ganze Buch sein, das 35 Jahre seines lyrisch-literarischen Schaffens dokumentiert.

In 15 Kapitel hat Walle Sayer seinen Band mit poetischen Miniaturen unterteilt. Kapitel 1 hat er mit "Feineinstellung" überschrieben. Die Feineinstellung ist bekanntlich zur Verbesserung der Bildqualität notwendig und steht am Anfang, bevor es über "Historienhauch", "Ortsangaben" und "Figurenkabinett" zum finalen "Zeitungsauschnitte sammeln" geht.

Der 1960 in Bierlingen bei Tübingen geborene Dichter Walle Sayer gehört nicht unbedingt zu denen, die sich immer schnell entschlüsseln lassen. Dieser Band braucht Zeit, um die vielen Gedichte und prosaischen Kurztexte zu erfassen, die am Anfang noch vom "schlotternden Maßanzug, in den ich hineinwuchs , bis er passte" erzählen und am Ende davon, dass der "Friedhof kein Spielplatz ist und der Singkreis immer freitags für den Sünderchor probt".

Walle Sayers schreibt in einem Idiom, das man getrost "Sayer-Sprache" nennen kann: mit Wortschöpfungen und Bildern der "Sayer-Welt", in der die "Traumsänfte" bereitsteht, die "Ichquarantäne" droht und "kahle Astversalien am Fenster des Klassenzimmers" zu dechiffrieren sind.

Wer Ruhe und Entspanntheit mitbringt und die entsprechende Feineinstellung für die oftmals übersehenen Details im Leben, dürfte "Nichts, nur" von Walle Sayer an langen Winterabenden zu schätzen wissen.

Eine Rezension von Matthias Ehlers

Literaturangaben:
Walle Sayer: Nichts, nur. Gedichte und Miniaturen
Alfred Kröner Verlag Edition Klöpfer, 2021
240 Seiten, 28 Euro