"Nach meinem Tod zu veröffentlichen" von Pier Paolo Pasolini

Buchcover: "Nach meinem Tod zu veröffentlichen" von Pier Paolo Pasolini

Aktuelle Lyrik

"Nach meinem Tod zu veröffentlichen" von Pier Paolo Pasolini

Pier Paolo Pasolinis Dichtung sorgt bis heute in Italien für anhaltende, tiefe Verehrung – auch bei seinen Gegnern, wovon Pasolini jede Menge hatte. Der Band "Nach meinem Tod zu veröffentlichen" versammelt bis dahin unbekannte und unveröffentlichte Gedichte, exzellent editiert von Theresia Prammer.

Als Pasolini unter nie ganz geklärten Umständen am 2. November 1975 in Ostia ermordet aufgefunden wurde, hinterließ er neben seinen Filmen, Romanen, Drehbüchern und politischen Streitschriften eine große Menge bis dahin nicht veröffentlichter Arbeiten. Darunter eine Vielzahl von Gedichten, die jetzt unter dem Titel "Nach meinem Tod zu veröffentlichen" in deutscher Übersetzung erschienen sind.

Verantwortlich für Herausgabe, Übertragung aus dem Italienischen und Nachwort ist die österreichische Romanistin, Autorin, Übersetzerin und Essayistin Theresia Prammer, die zudem den jeweiligen Gedichten im Anhang wertvolle Anmerkungen zur Seite gestellt hat. Hier ist ausdrücklich die Herausgeberin zu würdigen, die 640 Seiten auf den Weg gebracht hat, von denen jede einzelne ihr Geld wert ist.

Mit feinem Gefühl für das Original, das jeder Übersetzung zugeordnet wurde, für die Ausdruckskraft sowie das Temperament des Dichters hat Theresia Prammer die Gedichte von Pier Paolo Pasolini für den deutschsprachigen Raum umfassend verstehbar gemacht. "Ich hielt die Erde für die Mitte der Welt und die Poesie für die Mitte der Erde", hat der 1922 in Bologna geborene Pier Paolo Pasolini einmal gesagt, und dieses Bekenntnis zeigt die zentrale Bedeutung für den Dichter, der durch seine Filme zu Weltruhm kam.

Der Sohn einer Volksschullehrerin hatte früh mit dem Schreiben von Gedichten begonnen, und bis zuletzt war Lyrik die adäquate Form für Pasolini, die Verwerfungen einer durch den Kapitalismus entmenschlichten Gesellschaft zu formalisieren. Im Gegensatz zum Genre Film oder der Form des Romans fand Pasolini in der Lyrik die Möglichkeit, konzise und ohne Umschweife auf den Punkt zu kommen.

"Nach meinem Tod zu veröffentlichen" zeigt Pasolinis gewohnt sprachmächtige Dichtung, mit der er drastisch und gnadenlos die katholische Kirche, die Oligarchie, die Militaristen und Kleinbürger attackierte, die er als latent faschistisch, spät-kolonial, bigott, rassistisch, ausbeuterisch und moralisch verkommen ansah.

Da machte er auch keine Ausnahme für die Kommunistische Partei Italiens, die ihn aufgrund seiner Homosexualität rausgeworfen hatte. Pier Paolo Pasolinis Dichtung ist aktueller denn je und wird nie aus der Zeit fallen, weil ihre Vorrausetzungen – so sieht‘s aus – auch auf lange Sicht nicht verschwinden werden.

Dass die außergewöhnliche und bedeutende Dichtung des Pier Paolo Pasolini dabei nicht in Vergessenheit gerät, dafür sorgt auch die großartige neue Ausgabe seiner bisher unbekannten Gedichte.

Eine Rezension von Matthias Ehlers

Literaturangaben:
Pier Paolo Pasolini: Nach meinem Tod zu veröffentlichen. Späte Gedichte Herausgegeben, aus dem Italienischen und mit einem Nachwort von Theresia Prammer
Suhrkamp Verlag, 2021
640 Seiten, 42 Euro

Stand: 19.11.2021, 13:44