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Buchcover: "Meuterin" von Tjawangwa Dema

Aktuelle Lyrik

"Meuterin" von Tjawangwa Dema

Stand: 08.04.2022, 11:41 Uhr

Der Gedichtband "Meuterin" der botswanischen Dichterin Tjawangwa Dema verleiht unterschiedlichen Frauenfiguren eine lyrische Stimme. Es geht in den Texten um die Rolle als Mutter, als Schwester, Ehefrau, als Arbeiterin oder eben auch als Meuterin.

Durch die Ich-Perspektive holt sie diese Figuren mit ihren Konflikten ganz nah an die Lesenden heran. Das lyrische Ich dieser Gedichte ist von der Autorin zu trennen und doch untrennbar mit ihr verbunden. Die Energie der Texte verrät, dass hier wohl auch persönliche Erfahrungen mit einfließen, ohne dass sich die Texte aber ganz ins Private begeben, sondern auch als Rollenlyrik zu begreifen sind.

In dem Gedicht "Frauen wie du" heißt es: "Frauen wie du / packen das Messer bei der Klinge, / das Fläschchenchaos der Kinder / ist Morgenroutine." Diese drastische Beschreibung von Mutterschaft, das schmerzhafte Aufschneiden der eigenen Hände, stellt Tjawangwa Dema in den nächsten Zeilen in einen gesellschaftlichen Kontext, denn diese Frauen wie du "Schaffen im Schatten", "So lautet der Vertrag."

Mütter müssen sich begnügen "mit Sachen wie Atem und Brot". Ihre Arbeit wird nicht gewürdigt, sondern vom patriarchalen Besitzanspruch bedroht, "wenn die Blicke betrunkener Männer / das vorbeigehende Mädchen berühren". Im Zentrum der Gedichte stehen Fragen nach Körper und Gender, nach Selbstbild und gesellschaftlichem Anspruch an Frauen.

Entgegen der literarischen Tradition zelebriert Tjawangwa Dema Weiblichkeit weder als anbetungswürdiges Schönheitsideal, noch erotisiert sie diese. Sie schreibt vom Kampf um den Körper, markiert im titelgebenden Gedicht die Frau als Meuterin gegen die Verhältnisse: "Ich bilde Kiemen im Namen eines aufziehenden Sturms". Mit Kiemen überlebt ein Mensch die reinigende Sintflut, den aufziehenden Sturm gesellschaftlicher Veränderung.

Tjawangwa Demas Gedichte sind keinem bestimmten Raum oder einer bestimmten Region verhaftet, obwohl sie schon auch Motive aus ihrer Heimat aufgreifen. Weder sollte man sie als rein europäisch noch als afrikanisch lesen. Ihre Texte können eine Allgemeingültigkeit für sich beanspruchen, die eine Leserschaft weltweit ohne große Hürden verstehen kann.

Ihre Zeilen sind Anklage und doch in ihrer Bitterkeit Hoffnung zugleich. Auch wenn einem viele Zeilen sofort einleuchten, besitzen die Texte Mehrdeutigkeiten, Verweise und Bezüge, die sich erst bei mehrfacher Lektüre erschließen – und für die man wohl teils auch wirklich nachforschen muss.

Einen guten Einstieg in diese Forschung ist das Nachwort der Übersetzerin Anna Pia Jordan-Bertinelli. In diesem persönlichen kurzen Essay gibt sie Einblick in ihre Arbeit, nennt Beispiele, wie und warum sie sich für gewisse Varianten in der Übersetzung entschieden hat, und greift schließlich auch den Diskurs auf, der so prominent in den letzten Jahren wegen der Übersetzung von Amanda Gormans "The Hill We Climb" verhandelt wurde.

Wer kann oder darf Gedichte von Schwarzen übersetzen? Anna Pia Jordan-Bertinelli Konsequenz sei es, "mit Dema selbst und dem Verlag […] zu sprechen, mich selbst und meine (Übersetzungs)entscheidungen immer wieder zu reflektieren und eine Sensitivity Readerin in den Übersetzungsprozess einzubeziehen".

Die 1981 in Botswana geborene Tjawangwa Dema lebt in England und lehrt an der University of Bristol. Die umtriebige Kulturschaffende organisiert Literaturfestivals und hält regelmäßig Seminare und Workshops an Universitäten oder Schulen. Der Band "Die Meuterin" heißt im Original "The Careless Seamstress". Für diesen erhielt sie 2018 den Sillerman First Book Prize For African Poets.

Ihre Texte stehen in der Tradition des spoken word Vortrags und zeichnen sich durch eine starke performative Ebene aus, die diese sehr gründlich lektorierte Übersetzung gelungen ins Deutsche überführt. Es ist ein Verdienst des Indi-Verlags Parasitenpresse, neben interessanten Autor*innen deutscher Sprache auch immer wieder internationale Lyrik dem deutschsprachigen Publikum zugänglich zu machen.

Dieser Band ist Ergebnis einer glücklichen Fügung. Die Übersetzerin Anna Pia Jordan-Bertinelli bot die Übersetzung der Parasitenpresse an, deren Verleger die Autorin bereits über die Kölner Literaturreihe „Stimmen Afrikas“ kannte und sofort ein offenes Ohr hatte. Diese geglückte Netzwerkerei macht nun also diese starke Stimme zugänglich.

Eine Rezension von Christoph Ohrem

Literaturangaben:
Tjawangwa Dema: Meuterin
Aus dem Englischen von Anna Pia Jordan-Bertinelli
Parasitenpresse, 2022
60 Seiten, 12 Euro