"Manhatten Mundraum zwei" von Thomas Kling

Buchcover: "Sondagen. Gedichte" von Thomas Kling

Aktuelle Lyrik

"Manhatten Mundraum zwei" von Thomas Kling

2005 starb mit nur 47 Jahren der Ausnahme-Poet Thomas Kling. In der renommierten Bibliothek Suhrkamp ist jetzt Klings Gedichtband "Sondagen" als Band Nr. 1500 erschienen.

Die Aufnahme in die Bibliothek Suhrkamp ist für Schriftstellerinnen und Schriftsteller so etwas wie die Erhebung in den Adelsstand der Dichtung. Bertolt Brecht, Pablo Neruda, Nelly Sachs, Thomas Stearns Eliot und etlichen mehr wurde ein Band in der Bibliothek Suhrkamp gewidmet. 1951 von Peter Suhrkamp begründet, sollte diese nach Meinung des Herausgebers eine "Liebhaberbibliothek für eine Leser-Elite" sein. Wurde sie aber nicht: Die Zeiten hatten sich geändert, und viele der in der Bibliothek Suhrkamp vertretenen Autorinnen und Autoren wurden von einer interessierten und breiten Leserschaft angenommen.

Das kann man von Thomas Kling sicher nicht sagen, aber er hat zeitlebens ein verschworenes, kleines Publikum gefunden, das sich von der Masse bewusst abheben wollte. Lyrik heutzutage findet ohnehin kein Massenpublikum mehr, was übrigens vor ein paar Jahrzehnten anders war – siehe Wolf Wondratscheks 1974 erschienener Gedichtband "Chucks Zimmer", der sich 300.000 mal verkaufte. Thomas Kling hat Lyrik geschrieben, die eine anspruchsvolle Rezeption verlangt. Dabei ist sie nicht hermetisch oder sonstwie kryptisch-esoterisch.

Es sind konkrete Objekte, die Thomas Kling in "Sondagen" im Visier hat. Der Wortarbeiter, der auch ein sehr guter Performer seiner Lyrik war, hat sich, beeinflusst u.a. von Ernst Jandl und Paul Celan, mit Leidenschaft der Dekonstruktion unserer Sprache angenommen, um sie dann wieder im Thomas-Kling-Sound auferstehen zu lassen. Alltagssprache, Wortneukombinationen, Dialekt, Soziolekte, phonetisch transkribierte Wörter, und – ganz wichtig – Sound und Melodik waren Thomas Klings Stilmittel, mit denen er seine Gedichte zu semiotischen Kunstwerken machte.

So entfalten die Gedichte von Thomas Kling auf verschiedenen Rezeptionsebenen ihre Botschaften. Dem Gedichtband "Sondagen", der ursprünglich 2002 auf den Markt kam, war dann auch logischerweise eine CD mit einer Thomas Kling-Performance beigelegt. Wer den einzigartigen Dichter Thomas Kling entdecken will, kann das mit den „Sondagen“ tun, die von der Altsteinzeit über den Dreißigjährigen Krieg bis zum 11. September 2001 Klings Wahrnehmung und deren dichterische Umsetzung bieten. Ein großartiges, exzeptionelles Werk.

Eine Rezension von Matthias Ehlers

Literaturangaben:
Thomas Kling: Sondagen. Gedichte
Band 1500 der Bibliothek Suhrkamp
Herausgegeben von Marcel Beyer
Mit einem Nachwort von Tobias Lehmkuhl
Suhrkamp Verlag, 145 Seiten, 20 Euro

Stand: 10.07.2020, 13:15