"Jahrbuch der Lyrik 2021" herausgegeben von Christoph Buchwald und Carolin Callies

Buchcover:  "Jahrbuch der Lyrik 2021"

Aktuelle Lyrik

"Jahrbuch der Lyrik 2021" herausgegeben von Christoph Buchwald und Carolin Callies

Seit 40 Jahren nimmt sich das "Jahrbuch der Lyrik" die alljährliche Vermessung der aktuellen deutschsprachigen Lyrik vor. Christoph Buchwald, der langjährige Herausgeber des Jahrbuchs, verabschiedet sich nun. Für die aktuelle Ausgabe hat er die Lyrikerin Carolin Callies als Mitherausgeberin gewonnen.

Christoph Buchwald hat das Publikum neben seiner aufopferungsvollen Auswahl-Arbeit im Vorfeld der Veröffentlichung des Jahrbuchs auch einen schönen Beschwerdesatz zu verdanken. Da das Jahrbuch der Lyrik regelmäßig zur Einsendung von Gedichten auffordert, bemängelte er schon mal die Qualität der eingereichten Verse, denen er die Entstehung auf der "Eitelkeitswiese von schreibenden Studienräten in Gesundheitsschuhen" attestierte.

Nun, über Lyrik lässt sich streiten, vieles ist Geschmacksache. Halt – Geschmacksache? Das sieht der Herausgeber des Jahrbuchs radikal anders. Das Nachwort im Buch gibt Aufschluss. Die Auswahl der veröffentlichten Gedichte würde in keiner Weise von Geschmackskriterien beeinflusst. Was ins Buch kommt – 7000 Gedichte wurden eingereicht –, entscheidet einzig und alleine deren Qualität. Also gut oder schlecht.

Was aber ist ein gutes Gedicht? Im Nachwort steht‘s geschrieben: "Wer Gedichte schreibt, muss mit dem Handwerkszeug umgehen können, mit Vers, Reim, Dramaturgie, Wirkungsästhetik, Traditionen, Klang, Sprachlogik, Sprache etc." Das bedeutet im vorliegenden Fall, dass die 600 Autorinnen und Autoren, die es ins Jahrbuch der Lyrik geschafft haben, diese Kriterien erfüllen – und die abgewiesenen Verseschmiede nicht.

Gibt es tatsächlich objektive Kriterien für die Beurteilung von Gedichten, die ausnahmslos gelten? Kann man wirklich in jedem Fall apodiktisch sagen, ob ein Gedicht gut oder schlecht ist? Da hat der Rezensent so seine Zweifel. Nicht nur wenn er sich im aktuellen "Jahrbuch der Lyrik" etwa das Gedicht von Stefan Heuer anschaut: "weil wir selbst das virus sind, auch wenn wir dies / leugnen. weil wir nicht die strophe sind und schon / gar nicht der refrain / vergessen alles vergessen / nicht nur das, was wir wussten, der Regen löscht / unser feuer, dagegen helfen keine pferdewetten / keine goldenen ringe oder sonstiger tand, wenn…" In diesem Gedicht ist die beste Zeile "vergessen, alles vergessen".

Egal! Wer sich selber ein Bild machen will von der aktuellen deutschsprachigen Lyrik, liegt mit dem "Jahrbuch der Lyrik 2021" in jedem Fall richtig. Unter 600 bekannten oder unbekannten Lyrikerinnen und Lyrikern und deren Gedichten findet sich selbstverständlich eine Menge Qualität wie z. B. das Gedicht "hôtel du levant, bordeaux" von Harry Oberländer. Der Rest dürfte Geschmackssache sein.

Eine Rezension von Matthias Ehlers

Literaturangaben:
Jahrbuch der Lyrik 2021
Herausgegeben von Christoph Buchwald und Carolin Callies
Schöffling & Co., 2021
264 Seiten, 22 Euro

Stand: 20.08.2021, 14:16