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"Ich habe auf den Wal gewartet" von Krišjānis Zeļģis

Buchcover: "Wilde Tiere" von Krišjānis Zeļģis

Aktuelle Lyrik

"Ich habe auf den Wal gewartet" von Krišjānis Zeļģis

Krišjānis Zeļģis dürfte hierzulande noch ziemlich unbekannt sein: geboren 1985 in Talsi, Lettland, lebt als Bierbrauer in Riga. Das ist schon mal ein anständiger Beruf.

Seine andere Berufung ist das Verfassen von Gedichten. Mehrere seiner Gedichtbände wurden in Lettland veröffentlicht, und seit diesem Jahr gibt es auch ein erstes Buch auf Deutsch: "Wilde Tiere". Die schlüssige und sprachlich überzeugende Übersetzung stammt von Adrian Kasnitz, dem Verleger der verdienstvollen Parasitenpresse.

Was gibt es zu lesen? Rund 70 Gedichte mit und ohne Titel, gedanklich geordnet in Kapiteln, die Überschriften tragen wie "Du riechst nach Kiefern", "Fachmänner", "Wilde Tiere", "Geheimnisse" und "gegen mich". Fast schon einem Ethnographen gleich wirft Krišjānis Zeļģis einen leicht reservierten Blick auf seine jeweils aktuelle Umgebung, die in seinen Gedichten, bis auf wenige Ausnahmen, in Lettland zu finden sein dürfte.

Sei es im Zug, am Lagerfeuer, in der Arztpraxis, im japanischen Restaurant oder wo auch immer sich Krišjānis Zeļģis gerade rumtreibt: Der Dichter ist ein genauer Beobachter der wilden Tiere seiner Heimat – und die aufrecht Gehenden haben es ihm besonders angetan. Krišjānis Zeļģis begegnet ihnen poetisch, als seien sie bisweilen aus einem anderem Raum und einer anderen Zeit. "Die einzigen Leute die du in dieser Stadt kennst / sind die rassistischen Idioten aus der weiterführenden Schule / und deine Eltern", schreibt Krišjānis Zeļģis; diese vermittelte Distanziertheit zieht sich durch seinen Gedichtband wie ein schwarzer Faden.

Es sind traurige Gedichte, die von Einsamkeit und Entfremdung künden, aber gleichzeitig und oft grotesk-komisch sind. Das gelingt Zeļģis auch durch seine wunderbar lakonischen Darstellungen der Menschen, mit denen er es zu tun hat und die ihm so fremd scheinen wie den ersten Missionaren in Afrika die Eingeborenen.

"Wilde Tiere" birgt eine großartige Sammlung exzellenter Gedichte, die jedes für sich eine kleine, einzigartige Geschichte aus dem dämmrigen Lettland des Krišjānis Zeļģis‘ erzählen. Diesen Band sollte man jederzeit zur Hand haben – auch wenn man wissen will, wie man wilden Tieren hierzulande poetisch begegnet. Ganz feine Lyrik!

Eine Rezension von Matthias Ehlers

Literaturangaben:
Krišjānis Zeļģis: Wilde Tiere. Gedichte
Aus dem Lettischen von Adrian Kasnitz
Parasitenpresse, 78 Seiten, 12 Euro

Stand: 02.01.2021, 12:41