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"Ich fliege Himmel an mit ungezähmten Pferden“ von Sibylla Schwarz

"Ich fliege Himmel an mit ungezähmten Pferden“ von Sibylla Schwarz

"Ich fliege Himmel an mit ungezähmten Pferden“ von Sibylla Schwarz

Sibylla Schwarz erhielt nach ihrem Tod 1636 als erste Frau in der deutschen Literaturgeschichte eine Werkausgabe ihrer Dichtung. Mit 17 Jahren war ihr Leben zu Ende, und hinterlassen hat sie ein phänomenales Werk, das auch ihre Liebe zu einer Frau offenbart.

Schon zu Lebzeiten wurde Sibylla Schwarz nach der antiken griechischen Lyrikerin die "pommersche Sappho" genannt, weil sie wie die Griechin fulminante Liebeslyrik verfasste. Wobei Liebeslyrik nur einen – wenn auch zentralen – Teil ihres Gesamtwerks ausmacht. Sibylla Schwarz hinterließ ebenso Gedichte und Oden zu allerlei Anlässen, Schäferdichtung und eine Variation der "Daphne" nach Ovids Metamorphosen.

Schon mit 13 Jahren trat sie auf Geburtstagen oder Hochzeiten auf und begeisterte ihre Zeitgenossinnen und Zeitgenossen mit ihrer Dichtung, die auch unkonventionelle Themen beinhaltete. Dabei waren Sibylla Schwarz zum Erlernen des reglementierten Dichter-Berufs alle konventionellen Bildungswege wie zum Beispiel Lateinschulen verwehrt, die zu der Zeit einzig Männern offen standen

Doch sie hatte Glück mit ihrem Elternhaus. Mögen die Zeiten noch so finster gewesen sein, Sibylla Schwarz hatte in ihrem liberalen Vater einen konsequenten Förderer ihrer dichterischen Ambitionen. Und es hatte ein wegweisendes Buch von Martin Opitz gegeben, in dem 1624 allgemeingültige Regeln für die Dichtung formuliert waren. Die konnte sich die junge Dichterin aneignen, ohne eine Schule besuchen zu müssen.

Dass viele ihrem Talent mit Neid und Missgunst begegneten, hatte sie früh erkannt, aber keineswegs beeindruckt: "Hat zwar die Missgunst tausend Zungen, / Und mehr dann tausend ausgestreckt, / Und kommt mit Macht auf mich gedrungen, / So werd ich dennoch nicht erschreckt".

Jetzt ist eine Werkauswahl der Sibylla Schwarz zu haben, und es versetzt einen in Staunen und Ehrfurcht, wie sich diese junge Frau in jener Zeit dichterisch behauptet hat. Ihre klassischen petrarcischen Liebessonette zeigen eine selbstbewusste, liebende Frau, die ohne Scheu oder Angst die Liebe zu einer Frau bekennt und besingt.

Dass sie zudem auch noch eine kritische Zeitgenossin war, die Position bezog in diesen bewegten Zeiten – in Deutschland und Europa tobte der Dreißigjährige Krieg –, rundet das Bild einer mehr als außergewöhnlichen Schriftstellerin. Erwähnenswert ist das Urteil des Literaturhistorikers Daniel Georg Morhof, der in seinem Werk "Unterricht von der Teutschen Sprache und Poesie" aus dem Jahr 1682 Sibylla Schwarz als "ein Wunder ihrer Zeit" bezeichnete. Da kann man mal sehen, wie hell die dunkle Vorzeit bisweilen war

Dass wir diese einzigartige Dichter-Persönlichkeit jetzt in einer Werkauswahl kennenlernen können, verdanken wir auch der Arbeit von Gudrun Weiland. Sie hat "Ich fliege Himmel an mit ungezähmten Pferden" herausgegeben und ein beeindruckendes Nachwort verfasst, das – der Rezensent liebt gelungene Nachwörter – nicht nur hervorragend geschrieben ist, sondern auch sehr kompetent und verständlich Sibylla Schwarz und ihr Werk in ihre Zeit und die Literaturgeschichte einordnet. Große Kunst.

Eine Rezension von Matthias Ehlers

Literaturangaben:
Sybilla Schwarz: Ich fliege Himmel an mit ungezähmten Pferden
(Femmes de Lettres Band 5) Werkauswahl
Herausgegeben von Gudrun Weiland
Secession Verlag, Zürich, 240 Seiten

Stand: 30.04.2021, 16:42