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"Gelichtetete Reihen" von Hans Sande

Buchcover: "Sternenlichtregen. Zeitgenössische Lyrik aus Norwegen"

Aktuelle Lyrik

"Gelichtetete Reihen" von Hans Sande

"Sternenlichtregen" heißt die aus gegebenem Anlass frisch erschienene Sammlung mit aktuellen Gedichten aus Norwegen. Dieses Land, das nördlichste Europas, ist gesegnet mit einer großen Anzahl guter Dichterinnen und Dichtern.

Norwegen gilt den Vereinten Nationen als das höchstentwickelte Land der Welt, und glaubt man der britischen Zeitung "The Economist", ist es auch das demokratischste. Zudem soll Norwegen auch noch das reichste Land der Erde sein – gemessen am Einkommen und an der Kaufkraft seiner Bewohner. Warum solche Informationen in einer Lyrik-Rezension auftauchen – wo doch Lyrik für den ein oder anderen werkimmanent nur durch sich selbst sprechen sollte –, hat einen einfachen Grund: Eine zeitgenössische Gedichte-Sammlung ist immer auch ein sozio-kultureller Spiegel einer Gesellschaft.

Würde man die Anthologie "Sternenlichtregen" aus Norwegen zum Beispiel einer vergleichbaren Sammlung aus Südafrika gegenüberstellen, dürfte jedem einleuchten, was gemeint ist. Mal abgesehen davon, dass Südafrika wenig bekannt ist für Erdöl, geräucherten Lachs und Muster-Pullover: Bei südafrikanischen Dichterinnen und Dichtern wie Lebogang Mashile oder Keorapetse William Kgositsile, findet man – zwar nicht nur, aber oft – eine höchst intensive, bisweilen radikale Auseinandersetzung mit ihrem Heimatland. Kein Wunder, da Südafrika nach wie vor in sehr arm und sehr reich geteilt ist. Was man von Norwegen eben nicht behaupten kann.

So wird man bei den 18 norwegischen Dichterinnen und Dichtern aus "Sternenlichtregen" eine völlig anders dargestellte Lebenswirklichkeit feststellen. Norweger agitieren nicht gegen ihre Regierung, Norweger schreiben Gedichte über die "Kunst des Trödelns", die "Wintereiche", "Annas Familienelegien" und "das Gesicht, das Haar, das Leuchten der Haut". Dass diese Lyrik ebenso relevant und intensiv ist, wie die aus anderen Kontexten, ist selbstverständlich – wenn sie gut ist. Und die Lyrik in dieser norwegischen Anthologie ist gut, sehr gut sogar. Also auf ins nördlichste Land Europas zum "Sternenlichtregen" – zumindest poetisch. Und bitte den Norweger-Pulli nicht vergessen.

Eine Rezension von Matthias Ehlers

Literaturangaben:
Gyldendal Norsk Forlag (Hrsg.): Sternenlichtregen. Zeitgenössische Lyrik aus Norwegen
Verlag Das Wunderhorn, 140 Seiten, 22 Euro

Stand: 11.10.2019, 14:52