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"Gedichtverdacht" von Elke Erb

Buchcover: "Gedichtverdacht" von Elke Erb

Aktuelle Lyrik

"Gedichtverdacht" von Elke Erb

Einmal im Jahr wird der Georg-Büchner-Preis vergeben, die bedeutendste Auszeichnung für Literatur hierzulande. Dieses Jahr geht er an die Lyrikerin Elke Erb und wird am 31. Oktober in Darmstadt überreicht.

Und so begründete die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung ihre Entscheidung: "Mit Elke Erb ehrt die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung ein unverwechselbares und eigenständiges schriftstellerisches Lebenswerk, dessen Anfänge 1975 in der DDR lagen und das sich nach deren Ende unbeirrt bis in die Gegenwart fortsetzt. Elke Erb gelingt es wie keiner anderen, die Freiheit und Wendigkeit der Gedanken in der Sprache zu verwirklichen, indem sie sie herausfordert, auslockert, präzisiert, ja korrigiert. Für die unverdrossene Aufklärerin ist Poesie eine politische und höchstlebendige Erkenntnisform."

Ob es der Lyrikerin und Übersetzerin Elke Erb "wie keiner anderen gelingt, die Freiheit und Wendigkeit der Gedanken in Sprache zu verwandeln" mal dahingestellt: Elke Erb schreibt Gedichte, die sich jeder Tradition entziehen und mit einer gewissen Fröhlichkeit daherkommen, die sicherlich manch einen schmunzeln lassen wird. In ihrem letzten Gedichtband "Gedichtverdacht" stellt sie Gedichte vor, die zum Teil schon publiziert sind und versieht sie mit Erläuterungen und Notizen ihrerseits. Das kann hier und da hilfreich sein, wenn man nicht so ganz genau weiß, was uns die Dichterin sagen will.

Bei der 1938 geborenen Elke Erb stellt sich, wenn man diesen Band liest, schnell heraus, dass bei ihr so ziemlich alles unter "Gedichtverdacht" fällt. Mit anderen Worten, nichts ist vor der Verdichtung von Elke Erb sicher. Das ist per sé nichts Schlechtes, das Banale, das Alltägliche in den poetischen Fokus zu nehmen, heißt aber umgekehrt, dass nicht automatisch was Gutes draus wird. "Ja, doch: ich bin ein Vogel / dies oben, die Höhe darunter,/ (schon unten zählt nicht, / der Keller erst recht nicht– nur: für das Steigen ja / die Stützen zum Abflug) sind exemplarische Zeilen eines vollständigen Gedichtes, das den Rezensenten ratlos zurücklässt.

Schön allerdings findet er, was Elke Erb in einem Gespräch mit der Schriftstellerin Christa Wolf 1978 über sich selber gesagt hat, ihren "experimentellen" Ansatz charakterisierend: "Ich bin außerhalb der Form. Und das ist eine Chance und ein Risiko. Die Menschheit geht mit mir ein Risiko ein, ich diene als Risiko."

Mindestens. Wer das Risiko wagt, den Band "Gedichtverdacht" der dienenden Elke Erb für 15 Euro zu erwerben, geht zumindest ein kalkulierbares Risiko ein, obwohl man für 15 Euro auch schon selbstaufgehende Blüten in Getränken oder Kuchen im Glas bekommt.

Rezension von Matthias Ehlers

Literaturangaben:
Elke Erb: Gedichtverdacht
Herausgegeben von Urs Engeler und Christian Filips
roughbook 048, 15 Euro

Stand: 22.10.2020, 17:29