"Es geschah vor unseren Augen" von Artur Becker

Buchcover: "Bartel und Gustabalda" von Artur Becker

Aktuelle Lyrik

"Es geschah vor unseren Augen" von Artur Becker

Der polnisch-deutsche Schriftsteller Artur Becker schreibt außergewöhnlich gute Lyrik. Zuletzt erschien von ihm der Gedichtband „Bartel und Gustabalda“ in dem kleinen, aber feinen Verlag mit dem fröhlichen Namen "Parasitenpresse".

Artur Becker lebt seit 1985 in Deutschland, geboren wurde er 1968 in Bartoszyce, Masuren. Das sollte man vielleicht wissen, wenn man "Bartel und Gustabalda" in die Hand nimmt, denn der neugierig machende Titel dieses Werks verweist eben auf seine masurische Herkunft. Schön, dass es da ein Glossar am Ende von "Bartel und Gustabalda" gibt, das aufklärt: Im masurischen Bartoszyce nämlich, unweit der russischen Grenze, stehen zwei Skulpturen aus Granit mit diesem Namen, und um beide ranken sich viele Legenden. Diese Legenden muss man nicht kennen, aber es hilft, wenn man weiß, dass diese Skulpturen tatsächlich existieren.

Im ersten Gedicht mit dem programmatischen Titel "Bartel und Gustabalda", schreibt Artur Becker, wie sehr ihn diese Figuren durch seine Kindheit begleitet haben – und wie sehr sie in der Gegenwart leuchten. Er beschreibt einen Jungen, der ähnlich wie er einst – "das masurische Marschlied hört nie auf" – bei den "pruzzischen Steinen" stehen bleibt und sie liebevoll berührt, nicht ahnend, dass so viel Legendäres an ihnen haftet. "…Aber der Achtjährige weiß davon nichts / Und geht jeden Tag aufs neue los / Freut sich auf die Begegnung mit Bartel und Gustabalda / Und später auf das Mittagessen mit seiner Großmutter Nacia oder Erna ..."

So führt uns Artur Becker in seinen Gedichten durch die Zeit, "jeden Tag aufs neue los", macht Halt im Aachener Dom und auf Capri, wo wir den römischen Kaiser Tiberius im Exil treffen. Hält inne bei dem Gedicht "An den Fotografen von Ausschwitz Wilhelm Brasse", um dann weiter zu gehen nach Venedig und zum "Land der Dreitausend Seen und Wälder".

Artur Becker wirft in seiner Dichtung einen tiefenscharfen Blick auf die Jetztzeit, die er mit der Vergangenheit korrespondieren lässt und leuchtet sie aus nach verborgener Metaphysik. Das große Repertoire an sprachlichen Bildern und Metaphern, klug verbunden mit historischem Wissen, macht dazu seine Lyrik äußerst lesenswert.

Eine Rezension von Matthias Ehlers

Literaturangaben:
Artur Becker: Bartel und Gustabalda. Gedichte
Parasitenpresse, 140 Seiten, 14 Euro

Stand: 13.12.2019, 13:53