"Ein Jahr hat keine Zeit" von Heinrich Böll

Buchcover: "Ein Jahr hat keine Zeit" von Heinrich Böll

Aktuelle Lyrik

"Ein Jahr hat keine Zeit" von Heinrich Böll

Heinrich Böll ist bekannt für seine Romane und Erzählungen sowie für seine
Rolle als kritischer Intellektueller der Bundesrepublik Deutschland. Weniger bis gar nicht bekannt dürfte die Lyrik des Literaturnobelpreisträgers sein.

Das dass anders werden soll, dafür will die gerade erschienene Ausgabe "Ein Jahr hat keine Zeit" sorgen mit allen zu Lebzeiten Bölls publizierten Gedichten und einigen bis dato unveröffentlichten. Viele Gedichte waren in diversen Zeitungen erschienen, unbemerkt von der Literaturkritik oder von ihr absichtsvoll ignoriert. Der verstorbene Doyen der deutschen Literaturkritik Marcel Reich-Ranicki hatte das Verdikt ausgegeben: "Seine Theaterstücke und Gedichte sind nichts wert."

Umso verdienstvoller, dass sich der Verlag Kiepenheuer & Witsch an das Unterfangen gemacht hat, seinen Autor Böll auch mit einer Ausgabe seiner Gedichte zu würdigen. Neben Bölls Lyrik gibt es einen den jeweiligen Gedichten zugeordneten erklärenden Anhang und ein Nachwort von Gabriele Ewenz und Jochen Schubert sowie Faksimiles der Original-Manuskripte.

Bölls Gedichte, die frühen datieren von 1936 und die letzten aus seinem Todesjahr 1985, zeigen deutlich die Themen in der Entwicklung, die zunehmend in Heinrich Bölls schriftstellerischer Arbeit prägend wurden. Heinrich Böll hatte sie 1953 in einem Gespräch mit dem Schriftsteller Paul Schallück so zusammengefasst: "Was mich vor allem reizt ist die menschliche Existenz. Ich möchte mir und meinen Lesern Klarheit verschaffen über die Grundthemen der menschlichen Existenz."

Früh ist in Bölls Lyrik die Auseinandersetzung mit dem Katholizismus formalisiert, Bölls tiefe Abneigung gegen alles Militärische und seine auch später immer wieder nicht nur geäußerte Sympathie für die, die am Rand der Gesellschaft zu finden sind. Die Gedichte "Ich liebe euch, ihr Abgeglittenen", "Das Kreuz" oder "Die Arbeiterfrage" nehmen vorweg, was den späten Böll immer noch bewegt hat: Die Frage nach menschenwürdigen Verhältnissen für jeden, ungeachtet seiner Herkunft.

Wer Böll mag, wird auch seine Gedichte mögen, die eine klare Sprache haben und auf den Punkt bringen, was Heinrich Böll wichtig war zu benennen. "Ein Jahr hat keine Zeit" ist ein Buch, das tatsächlich gefehlt hat.

Eine Rezension von Matthias Ehlers

Literaturangaben:
Heinrich Böll. Ein Jahr hat keine Zeit. Gedichte.
Herausgegeben von René Böll, Gabriele Ewenz und Jochen Schubert
Kiepenheuer & Witsch, 2021
192 Seiten, 20 Euro

Stand: 05.11.2021, 13:19