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Buchcover: "Alle sind fort" von Doris Runge

"Mein Gitterbettchen" von Doris Runge

Stand: 12.08.2022, 08:38 Uhr

Alle sind fort: In ihrem neuen Gedichtband fängt Doris Runge wie gewohnt in wenigen Worten und knappen Zeilen starke Momente des Seins ein. Zunehmend spielen auch Erinnerungen an die Kindheit und das hohe Lebensalter eine Rolle.

"'barbarisch schön' rollt/ die wintersonne/über die klinge/ins meer/eine letzte zeile, eine leerzeile/bleibt/rot markiert/bevor/ auch sie verschwindet."

Der Horizont als Klinge: Ausdrucksstarke Bilder und die absolute Verknappung als dominierendes Stilmittel zeichnen die Gedichte von Doris Runge aus. Aber bei aller Verschlankung gelingt es der Präzisionsarbeiterin, Mehrdeutigkeiten herzustellen und Interpretationsräume zu öffnen.

Doris Runge wurde in Carlow/Mecklenburg geboren und lebt seit 1976 in Cismar, Ostholstein. Von dort ist es im Sommer durch gelb-blühende Rapsfelder nur ein Katzensprung zur Ostsee.

Als ein Kind des Nordens spielen das Meer und die Küstenlandschaft Norddeutschlands, die Acker zwischen den Meeren, auch in diesem jüngsten Gedichtband eine große Rolle. Zog sich vor kurzem noch das belebende Blau als Grundfarbe durch die Gedichte, ist die Stimmung hier winterlich und düsterer. Der Altweibersommer fand sich als Metapher schon früher in Runges Lyrik, nun steht der Winter auch für die Perspektive des letzten Lebensabschnitts.

"in der tintenschwarzen Brandung" heißt das erste Kapitel des Bandes, das Reich auf dem Deich ist "grau", "nebelhaft", der Boden schwankt, Wolken hängen tief - "verlassen die goldgräber meile/ am strand/verriegelt verschalt/die sommerfreuden".

Und dennoch plötzlich die Geste des Aufbruchs, des Optimismus und der Lebenskraft: Das lyrische-Ich "sehnt sich fort" aus dem winterlichen Grömitz, und springt noch einmal auf, auf die tiefhängenden Wolken, "und segelt".

Wie gewohnt bringen die Gedichte die Verankerung in Landschaft und Natur zum Ausdruck und fangen starke Momente des Seins ein. Immer wieder nimmt das lyrische-Ich eine faszinierend originelle, subjektive Position ein. Das macht Runges Lyrik so reizvoll.

Etwa, wenn die See in der lyrischen Wahrnehmung zur Künstlerin wird, die Welle um Welle unter vollem Körpereinsatz eine Performance hinlegt, "aufschlägt/auf der körnigen/Leinwand/bizarre formen/ und muster prägt" (…).

1943 geboren, spielen Kindheitserinnerungen in diesem Band eine größere Rolle. Weihnachtskarpfen "in der badewanne/machten sie/große Augen/ (…) mein vater aß die bäckchen/meine Mutter buk die plätzchen". Das „schwarzsauer“ ein typisch norddeutsches Gericht, "die bauernhostie" schuf einst nach dem Ritual der Hausschlachtung nichts geringes als Gottesnähe. Wenige Worte evozieren (vergangene) Welten. Und dann - wie beruhigend – die souveräne Absage an den Tod:

Runge scheint uns verschmitzt zuzuzwinkern, wenn sie den Tod mit der Notwendigkeit von kleinen Haushaltspflichten auskontert: steig ein/ sagt der bootsmann/halt ein/sag ich/ruh dich aus/du müder/mythos/ich bestelle/noch haus/und feld/steig ein/sagt er/ich aber/ sage wer/gießt/die sommer/lieschen welken/das muss doch/nicht sein.

Eine Rezension von Mareike Ilsemann

Literaturangaben:
Doris Runge: die schönsten versprechen.
Gedichte, 89 Seiten, Wallstein Verlag, 18 Euro