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"Sonett in Gedanken an Daniel Halévy während des Anwesenheitsappells" Aus: "Die Gedichte" von Marcel Proust

Buchcover: "Die Gedichte" von Marcel Proust

Aktuelle Lyrik

"Sonett in Gedanken an Daniel Halévy während des Anwesenheitsappells" Aus: "Die Gedichte" von Marcel Proust

Vor 150 Jahren, am 10. Juli 1871, kam Valentin Louis Georges Eugène Marcel Proust zur Welt. Anlass genug, um zu schauen, wie es der Meister mit der Lyrik hielt. Auf der Suche nach dem verlorenen Vers.

Vor nicht allzu langer Zeit ist ein Buch in Deutschland erschienen, das da heißt "Marcel Proust. Die Gedichte". So wird in der Regel ein Buch genannt, das einen Beitrag leisten will zum Gesamtwerk eines Schriftstellers und suggeriert, dass der Schriftsteller, in diesem Fall Marcel Proust, ein lyrisches Werk verfasst hat. Was soll man aber von dem Titel halten, wenn man weiß, dass der weltberühmte Proust zeitlebens gerade mal neun Gedichte veröffentlicht hat?

Aber vielleicht sollte man sich erst einmal fragen, wo denn die anderen Gedichte her sind, denn ein Band der "Marcel Proust. Die Gedichte" heißt, wird ja wohl kaum aus lediglich neun Poemen bestehen. Man trägt aus diversen Archiven, Korrespondenzen und aus dem Nachlass von Prousts Nichte Suzy Mante-Proust alles zusammen, was Proust an Miniaturen verfasst hat. Als da waren Notizen mit und ohne Reim, Widmungsgedichte, Briefkartengrüße und Preislyrik zu Ehren bekannter Musiker und Maler u.a.m. Daraus hat in Deutschland Bernd-Jürgen Fischer ein Buch gemacht und auch gleich die Übersetzungsarbeit mitgeliefert. So ist ein Buch mit Gedichten eines ausgewiesenen Romanciers entstanden, der sich selbst explizit nicht als Lyriker gesehen hat.

Die in "Marcel Proust. Die Gedichte" versammelten Gedichte sind suboptimal, auch wenn sich der Übersetzer Mühe gegeben hat, im Deutschen Reime zu finden, die dem Original entsprechen, was bekanntlich nicht einfach ist. Hier ist höchst gestelzte konventionelle Lyrik zu lesen ist, und dem Rezensenten leuchtet nicht ein, warum man von einem genialen Romancier schlechte Lyrik veröffentlicht, zumal Marcel Proust sich zeitlebens nicht motiviert sah, ernsthaft Lyrik zu verfassen, geschweige denn herauszugeben.

Mögen die Anmerkungen zu Prousts Gedichten im Buch noch so aufschlussreich sein und der Teil mit Bildern von Menschen aus Prousts Umfeld schön – nichtssagende Lyrik bleibt nichtssagende Lyrik. Das hat Marcel Proust nicht verdient – und dagegen wehren konnte sich der Rechercheur der verlorenen Zeit auch nicht. Aber um dem Buch auch etwas Positives abzugewinnen: Falls jemand mal wieder auf einer Party glänzen will mit der Frage "Haben sie die Gedichte von Proust gelesen?", können Sie jetzt getrost antworten "Ja, grauenhaft!"

Eine Rezension von Matthias Ehlers

Literaturangaben:
Marcel Proust: Les Poèmes/Die Gedichte
Hrsg. und aus dem Französischen von Bernd-Jürgen Fischer
Reclam Verlag, 422 Seiten, 20 Euro

Stand: 05.07.2021, 18:58