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Buchcover:  "Der Pinien Grün, des Meeres blau. Gedichte" von Joan Maragall

Aktuelle Lyrik

"Der Pinien Grün, des Meeres blau. Gedichte" von Joan Maragall

Stand: 01.07.2022, 17:32 Uhr

Joan Maragall dürfte in Deutschland nur den üblichen Verdächtigen ein Begriff sein. Das sollte sich mit der gerade erschienenen ersten Ausgabe seiner Gedichte auf Deutsch ändern.

Der katalanische Dichter Joan Maragall ist in seiner Heimat ein Klassiker. Er gilt als Vertreter des "Modernismo", einer Kunstrichtung, die sich die Rebellion gegen literarische Konventionen auf die Fahnen schrieb und für die Lyrik zum Beispiel neue metrische Strukturen und subtilere Ausdrucksmittel forderte. 1860 in Barcelona geboren und dort 1911 gestorben, hat Joan Maragall ein bedeutendes lyrisches Werk hinterlassen.

Für "Der Pinien Grün, des Meeres Blau" hat der Münchner Dichter und Übersetzer Áxel Sanjosé eine große Zahl der Gedichte Joan Maragalls ausgewählt, kommentiert und mit Vor- sowie Nachwort versehen. Der Übersetzer und Herausgeber Sanjosé, der in Barcelona geboren wurde und somit eine "vererbte" Beziehung zum Katalanischen mitbringt, hat Großartiges geleistet für diesen Lyrikband.

Áxel Sanjosé hat sorgfältig und inspiriert übersetzt und mit seinem Vor- und Nachwort sowie seinen Kommentaren zu den Gedichten die Rezeption des Werkes Maragalls um zusätzliche Verständnisebenen erweitert.

Da erfahren wir zum Beispiel von der intensiven Auseinandersetzung des Dichters mit Nietzsche und Novalis und vor allem mit Goethe, dessen "Römische Elegien" er neben anderen Texten des deutschen Dichterfürsten ins Katalanische übertragen hatte. Und wir lesen von der Teilhabe Maragalls an der Entwicklung der katalanischen Literatur, die sich nach der "Renaixenca", der Wiedergeburt, seit den 1830er Jahren neu formierte und damit von der dominanten spanischen Vorherrschaft befreite.

Die Lyrik Maragalls weist viele unterschiedliche metrische Formen auf und diverse Reimschemata, deren Analyse hier zu weit führen dürfte. Aber was die Leserin und den Leser interessieren sollte, ist die wunderbare Zugänglichkeit der Gedichte dieses außergewöhnlichen Dichters, der mit entschiedenem Rhythmus prägnant und semantisch glasklar formuliert und mit präzisen Bildern und Metaphern das ausdrückt, was er mitzuteilen hat. Und das ist viel.

Da sind die Beobachtungen in der Natur wie "Die erblindete Kuh" oder die "Januar-Milde" und "Die Pinie von Estrac". Da sind die geistlichen Gedichte wie das "Loblied an die Jungfrau von Núria" oder das "Gebet an die Heilige Lucia" und "Das Göttliche am Gründonnerstag". Und da sind Gedichte über eine "Romanze ohne Worte", den "Tod eines jungen Mannes" oder Oden "An Spanien" und an Barcelona.

Wer diese einzigartige katalanische Stimme des Dichters Joan Maragall hören will, kann das jetzt mit "Der Pinien Grün, des Meeres Blau" und mit höchstem Genuss tun. Große Kunst!

Eine Rezension von Matthias Ehlers

Literaturangaben:
Joan Maragall: Der Pinien Grün, des Meeres blau. Gedichte
Katalanisch/Deutsch
Ausgewählt, übertragen und mit einer Einführung von Áxel Sanjosé
Verlag Stiftung Lyrik Kabinett, 2022
168 Seiten, 24 Euro