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"Der Kahn" von Julia Cimafiejeva

Buchcover: "Zirkus" von Julia Cimafiejeva

"Der Kahn" von Julia Cimafiejeva

Julia Cimafiejeva ist eine Dichterin, die hierzulande nur einem kleinen Kreis von lyrikbegeisterten Leserinnen und Lesern bekannt sein dürfte. Das sollte sich ändern. Ihre erste ins Deutsche übertragene Gedichtsammlung lässt daran keinen Zweifel.

Die 1982 in Weißrussland geborene Dichterin und Übersetzerin Julia Cimafiejeva lebt und arbeitet in Minsk, der Hauptstadt der Republik Belarus. Und Belarus bietet unter dem autoritären Präsident Alexander Lukaschenko wahrlich nicht die besten Arbeitsbedingungen für Künstlerinnen und Künstler. Umso erfreulicher ist es da, dass der gerade erschienene Gedichtband "Zirkus" von Julia Cimafiejeva ein anderes Bild der Republik Belarus anbietet.

Julia Cimafiejevas Gedichte erzählen vom Aufwachsen und Sichbehaupten in ländlicher, rückständiger Abgeschiedenheit. Aber was in "die straße", "im winter", "zeit der gemüsegärtnerin", "die tiere, die mir lieb waren" nach Naturlyrik klingt, ist nur die Beschreibung der Orte und Dinge, die Julia Cimafiejeva hinter sich lässt.

In dem Gedicht "das opfer" verkaufen die Eltern ein Kalb und geben das Geld der Tochter, die dafür eine Gitarre kauft. "die gitarre war meine freiheit" ist eins der vielen Bilder, die Julia Cimafiejeva zeichnet vom Wunsch, vor der Eintönigkeit und Beschränktheit des Lebens zu fliehen. "ich kam zur welt mit diesem wanderzirkus in mir" heißt es an anderer Stelle, alles Beispiele dafür, wie sehr sich die Dichterin absetzt vom Objektiven, vom vorherrschenden systemischen Zustand, der eigentlich keine individuelle Regung, keinen Rückzug in sich selbst gestattet.

Ein Zustand, der sich übrigens auch in der belarussischen Lyrik bis zuletzt darin manifestierte, dass Lyrik männlich zu sein hatte und ausnahmslos den bestehenden Verhältnissen verpflichtet war.

"Zirkus" von Julia Cimafiejeva ist Lyrik auf der Flucht vor den Verhältnissen und Anerkennung des Sonderlichen, prägnant und semantisch eisenhart formuliert, mit glasklaren Bildern und entschiedenem Rhythmus. Wer diese einzigartige Stimme Julia Cimafiejevas hören will, kann das jetzt mit "Zirkus" und hohem Genuss tun.

Eine Rezension von Matthias Ehlers

Literaturangaben:
Julia Cimafiejeva: Zirkus
Aus dem Belarussischen von Thomas Weiler und Tina Wünschmann
Nachwort von Valzhyna Mort
96 Seiten, Edition fotoTAPETA, 10 Euro

Stand: 08.08.2021, 16:49