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"Der Gast nirgendwoher" von Jovan Nikolić

Buchcover: "Der Gast nirgendwoher" von Jovan Nikolić

Aktuelle Lyrik

"Der Gast nirgendwoher" von Jovan Nikolić

Gesammelte Lyrik von Jovan Nikolić. Spezialisten könnten ihn kennen als Autor für den vitalen und großartigen Film "Schwarze Katze, weißer Kater", für den Emir Kusturica 1998 in Venedig den Silbernen Löwen erhielt.

Bekannt wurde Jovan Nikolić außerdem für sein Buch mit Kurzprosa "Weißer Rabe, schwarzes Lamm", das 2011 in Köln "Buch für die Stadt" war, was mit einigem Prestige verbunden ist.

Jovan Nikolić ist Rom, wurde 1955 bei Čačak im heutigen Serbien geboren, begann neben seiner Ausbildung zum Maschinenbauingenieur mit dem Schreiben von Gedichten und hat seitdem Lyrik, Prosa, Liedtexte und Theaterstücke in Romanes, Serbisch und auf Deutsch veröffentlicht.

Außerdem arbeitete er als Journalist für Roma-Medien und hob die "Romani Writers’ Association" (IRWA) mit aus der Taufe, mit dem Ziel eine Bibliothek der Roma-Literatur in der Sprache der Roma zu etablieren. 1999 erhielt Jovan Nikolić als in seiner serbischen Heimat verfolgter Schriftsteller Asyl in der Bundesrepublik.

Sein jetzt im Drava Verlag erschienenes Buch "Der Gast nirgendwoher" ist eine Sammlung von Gedichten, die Nikolić in den vergangenen 40 Jahren verfasst hat. In 79, zumeist kurzen Gedichten erzählt der Autor von seinen Träumen, Visionen, Heimsuchungen, Dämonen und Halluzinationen bei Tag und bei Nacht, wobei in seinen Gedichten bewusst offenbleibt, ob‘s wirklich geträumt wurde oder erlebt.

Zwischen extrem beängstigend und sehr fröhlich findet sich so ziemlich jede Grundierung in der Lyrik von Jovan Nikolić. Apokalyptische Zustände („Jungfrauen springen vom Dach der Entbindungsanstalt / Tragen unter einem Leichentuch winzige Körper vorbei“) wechseln mit unbeschwerten Szenen ("Wenn sie mich bei Gedichten / von Rilke fragt: / Gefällt Dir / meine neue Tasche?").

Es sind surreale Bilder eines schönen und gleichsam grauenvollen Lebens, die Jovan Nikolić in seiner Lyrik beschwört und die er mit einer Sprache schafft, die bisweilen an die deutschen Expressionisten des vergangenen frühen Jahrhunderts erinnert. "Der Gast nirgendwoher" von Jovan Nikolić lädt ein zum Ritt durch die Hölle und wieder zurück. Große Kunst!

Eine Rezension von Matthias Ehlers

Literaturangaben:
Jovan Nikolić: Der Gast nirgendwoher
'Aus dem Serbischen von Cornelia Marks und Bärbel Schulte
DRAVA Verlag, 2021
90 Seiten, 12.95 Euro

Stand: 15.10.2021, 11:31